Vier Punkte zum Gender-Pay-Gap

Letzten Donnerstag war ja Equal Pay Day, der “internationale Aktionstag für Entgeltgleichheit zwischen Männern und Frauen”. Der Tag weist auf die Unterschied in den Einkommen zwischen den Geschlechtern (Gender Pay Gap) hin, mit dem Ziel, ihn zu bekämpfen.

Die interessantesten Artikel dazu wurden schon geschrieben, zB:

Mir sind zu dem Thema vier Dinge aufgefallen:

1. Einkommen vs. Konsum

Ein Einkommensunterschied wird als Zeichen dafür gesehen, dass es einer Person oder Gruppe materiell besser geht als einer anderen: Wenn Männer also mehr verdienen als Frauen, müsste es Männern materiell besser gehen als Frauen. Oder zumindest müssten Männer mehr Macht und Einfluss über den Konsum haben.

Seltsam ist da dann aber diese Zahl aus einem Artikel auf diestandart.at:

Berechnungen der Managementberatung The Boston Consulting Group nach sind Frauen weltweit im Schnitt für 70 Prozent aller Konsumausgaben verantwortlich. Vor allem in westlichen Wirtschaftsnationen wie Österreich, Deutschland sowie den USA geben immer mehr Frauen konsumbezogen den Ton an.

Frauen verdienen also 22% weniger, entscheiden aber 70% aller Konsumausgaben weltweit. Ist das nicht paradox? Müsste es nicht genau andersherum sein?

Zwei Dinge sieht man hier: Zum einen ist das Einkommen allein kein ausreichender Indikator für Wohlstand, es ist auch entscheidend, für wen das Einkommen ausgegeben wird, wer also konsumiert. Und Frauen konsumieren offenbar nicht nur an Männer-Einkommen mit, sondern sie bestimmen zum mehrheitlichen Anteil auch, wofür es ausgegeben wird (was wirklich bemerkenswert ist, wenn doch eigentlich das Patriarchat herrscht).

Zum anderen sieht man, dass man Frauen und Männern nicht einfach als zwei Gruppen betrachten kann wie vielleicht Deutsche und Polen. Frauen und Männer leben viel stärker zusammen und haben auch viel stärkere Bindungen zueinander als zB Deutsche und Polen. Einem durchschnittlichen Mann wird das Wohlergehen seiner Frau, Tochter, Mutter und Nichte viel wichtiger sein als das eines ihm fremden Mannes.

2. Ungleichheit ⇒ Diskriminierung?

Der englische Wikipedia-Artikel über die Lohnunterschiede in den USA hat eine interessante Grafik:

US_gender_pay_gap,_by_sex,_race-ethnicity.001

Neben den Unterschied zwischen Männern und Frauen sieht man hier auch die Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen: Man sieht, dass Asiatisch-stämmige US-Amerikaner im Durchschnitt 10% mehr verdienen als Weiße.

Wenn nun die Lohn-Unterschiede zwischen Männern und Frauen als Indiz für Diskriminierung und damit bekämpfenswert gelten, müssten das dann auch nicht die Unterschiede zwischen Asiaten und Weißen in den USA? Könnten man angesichts dieser Grafik nicht vermuten, dass in den USA Weiße durch Asiaten diskriminiert werden? Wenn nein, warum nicht?

3. Der Osten als Vorbild?

Auch die Piratenpartei hatte eine Pressemitteilung zum Thema gebracht, interessant ist da dieser Satz:

“Der in den neuen Bundesländern erheblich geringere unbereinigte Lohnunterschied von 8% macht den Einfluss gesellschaftlicher Rahmenbedingungen deutlich.”

Im Osten gehe es den Frauen also besser dank der Rahmenbedingungen. Denn da wirken noch die Strukturen und Kultur der DDR nach: Es gibt viele Kita-Plätze und ein besseres Frauenbild in der Gesellschaft. Der Osten soll also in gewisser Hinsicht als Vorbild gelten.

Seltsam ist dann aber dieser Artikel der bpb:

“Die DDR war zeitlebens ein Auswanderungsland. Dieser Trend hat sich auch nach 1990 fortgesetzt. Vor allem gut ausgebildete junge Frauen kehren ihrer ostdeutschen Heimat vermehrt den Rücken …”

Komisch, müsste auch das nicht andersrum sein? Wenn es im Osten so frauenfreundliche Strukturen gibt und die Lohnlücke soviel kleiner ist, müssten doch die Frauen gerade da bleiben. Und es müssten doch gerade viele Frauen vom Westen in den Osten ziehen – besonders bei hochqualifizierten Berufen, wo die Lohnlücke besonders groß ist.

Warum das nicht der Fall ist und der Osten vielleicht doch nicht so attraktiv ist, zeigt dieses fiktive Beispiel:

Nehmen wir an, wir haben 2 Länder mit jeweils 2000 EUR Lebenshaltungskosten für 2 Personen A und B:

  • Im Land 1 verdienen sowohl A als auch B jeweils 1000 EUR. Beide müssen also arbeiten gehen, um ihre Lebenshaltungskosten zu decken.
  • Im Land 2 nun wird A besser bezahlt, er bekommt 1500 EUR, B aber weiterhin nur 1000 EUR. Wenn beide arbeiten gehen, haben sie zusammen 2500 EUR. Oder wenn B nur noch die Hälfte arbeitet, kommen sie trotzdem auf 2000 EUR.

In Land 1 haben wir einen Lohnunterschied von 0%, in Land 2 einen von 33%. Sollte sich nun Land 2 nun ein Beispiel an Land 1 nehmen?

Meines Erachtens ist Arbeiten in Land 2 klar attraktiver: Beide haben zusammen entweder mehr Geld in der Tasche oder mehr Freiheit, ihren Job zugunsten von mehr Freizeit einzuschränken. Und auch auf sich allein gestellt geht es keinem von beiden in Land 2 schlechter.

Fehlende Unterschiede allein sind also kein guter Maßstab für Lebensqualität. Und vermutlich auch nicht für Gerechtigkeit. Denn es ist ja durchaus gerecht, für verschiedene Arbeiten auch verschieden bezahlt zu werden. Und gerade, wenn es in einem Land sehr verschiedene Jobs gibt, zB besonders viele für Hochqualifizierte, dann werden dort auch die Lohnunterschiede höher sein. Das ist vermutlich eher im Westen als im Osten der Fall.

Und das alles schließt natürlich nicht aus, dass es im Osten zum Teil bessere Strukturen gibt, die auch im Westen umgesetzt werden sollten (zB ein gutes Angebot an Kinderbetreuung). Es ist aber eben wenig sinnvoll, aufgrund einer niedrigeren Lohnlücke im Osten anzunehmen, dort ginge es den Frauen besser.

4. Geschlecht vs. Lebensentwurf

Schließlich bestehen große Lohnunterschiede vor allem zwischen Müttern und Nicht-Müttern. Frauen ohne Kinder hingegen haben viele Karrieremöglichkeiten und einen wesentlich höheren Lohn. Offenbar ist also weniger das Geschlecht entscheidend, sondern viel mehr der eigene Lebensentwurf und die eigenen Prioritäten.

Der Gender-Pay-Gap ist also eher ein Ich-betreue-meine-Kinder-selbst-Pay-Gap.

Hier mag man einwenden, dass auch Selbstbetreuung ja ein Zeichen für ein Problem sein kann, wenn sie erzwungen ist. Und da stimme ich zu – wer es will, sollte die Möglichkeit haben, sein Kind fremdbetreuen zu lassen. Wenn das nicht geht, also Betreuungsplätze fehlen, sollte das geändert werden.

Aber ich verstehe nicht, warum mangelnde Betreuungsmöglichkeiten vor allem ein Problem für Frauen sein sollen. Sowohl Männer als auch auf Frauen stehen doch vor folgenden Optionen, wenn sie Kinder und Karriere vereinbaren wollen:

  1. Sie finden einen Betreuungsplatz für ihre Kinder,
  2. Sie finden eine Partnerin / einen Partner, der ihnen die Betreuung abnimmt.

Option 2 ist besonders leicht umsetzbar, wenn der Partner weniger verdient. Viele Männer nutzen offenbar diese Option 2, aber nicht Frauen: sie heiraten bevorzugt “nach oben”. Warum eigentlich?

Es wäre doch gerade für alle hochqualifizierten Frauen mit Karriereplänen naheliegend, schlechter verdienende Männer zu heiraten. Sie würden persönlich profitieren, weil sie eine klare Verhandlungsposition hätten bei der Frage, wer notfalls zu Hause bleibt.

Und wenn das mit der Gender-Theorie stimmt, dann hätten Frauen hier einen großen Einfluss, auch gesellschaftlich was zu ändern, nämlich die “klassischen Rollenmuster” zu durchbrechen und zeigen, dass auch Frauen die Familienernährer sein können.

Und nochmal Piraten-Liste / Selbstverpflichtung

In einem weiterem Kommentar zum Artikel Berliner Piraten-Liste ohne “Feministen-Stimmen” kritisiert Eric meine Schlußfolgerung, auch ohne Selbstverpflichtung bliebe die Top3 wohl weiblich:

Du vergisst leider die Möglichkeit, dass die Selbstverpflichtung und die Diskussionen darüber das Wahlverhalten auch derjenigen beeinflusst hat, die trotzdem keine vier Frauen auf die ersten vier Plätze gewählt haben. Sowie auch (wie LeV schon schreibt) den möglichen Einfluss vor der Wahl, nämlich auf die Bereitschaft überhaupt erst zu kandidieren.

Deine Schlussfolgerung “Es sieht ganz danach aus, dass wir auch ohne die Selbstverpflichtung einiger Piraten, 4 Frauen nach vorne zu wählen, 3 weibliche Spitzenkandidaten hätten.” ist daher absolut nicht valide. Wenn Du wirklich etwas wissen willst, musst Du die Leute befragen.

Das mit dem Leute befragen fand ich tatsächlich eine gute Idee. Ich habe das mal gemacht und erhielt via Twitter folgende Antworten:

Zumindest unsere Spitzenkandidatinnen hätte also eine fehlende Selbstverpflichtung nicht von der Kandidatur abgehalten.

Ich finde, es ist auch sinnvoll zu trennen zwischen einerseits dem Ziel, ein angenehmes Klima zu schaffen, in dem sich viele gute Frauen zu einer Kandidatur entscheiden und anderseits dem Ziel, nachher eine Liste mit vielen guten Frauen zu haben. Das eine will die Chancengleichheit (verbessern), das zweite Ergebnisgleichheit.

Ich denke, dass Ergebnisgleichheit ein seltsames Ziel für eine liberale Partei wäre, Chancengleichheit hingegen eine ziemlich gute und wichtige Sache ist. Und alle Zahlenspielereien weisen ja daraufhin, dass die kandidierenden, guten Frauen dann auch von allen – und nicht nur bewusst feministisch engagierten – gewählt wurden. Wenn also gute Leute kandidieren, werden sie – egal welchen Geschlechts sie sind – offenbar auch gewählt.

Sinnvoll ist also, herauszufinden, was gute Frauen (bzw. Menschen allgemein) dazu bewegt zu kandidieren – und auch, was sie davon abhält. Und da hab ich mich vor einigen Tagen diesen Artikel erinnert, in dem die JSConf beschrieb, wie sie den Anteil ihrer weiblichen Speaker wesentlich erhöhte:

The ingredients are as simple as they are obvious:

  1. Open an inviting call for presentations (CFP).
  2. Select talks anonymously, and state in the CFP that you do so.
  3. Encourage people from under-represented groups to submit to the CFP.

Sie haben also einerseits direkt Frauen ermutigt, einen Vortrag einzureichen und gleichzeitigt angekündigt, einen anonymen Auswahlprozess zu machen – also das Geschlecht bewusst nicht zu berücksichtigen. Warum, das haben sie so begründet:

More importantly: if you are going around asking people to speak at your event and they are generally under-represented at your event (say, women at a tech conference), you need to avoid treating them in a special way. Nobody wants to be invited to speak because of their gender, or skin colour, or sexual orientation, or whatever else. Nobody likes special treatment. Nobody likes to be the token-representative.

Ein sinnvoller Gedankengang, finde ich. Es könnte also sein, dass Selbstverpflichtungen, wo Wähler ankündigen, das Geschlecht beim Wählen bewusst zu berücksichtigen, nicht nur ermutigen, sondern auch Leute vom kandidieren abhalten (– so gut diese Selbstverpflichtungen auch gemeint sein mögen).

Berliner Piraten-Top3 bleibt weiblich, selbst wenn …

Unter meinem Artikel Berliner Piraten-Liste ohne “Feministen-Stimmen” hat jp sinngemäß kommentiert, dass es ja gar nicht verwunderlich sei, dass die Top3 weiblich bleibt, wenn man nur Stimmen rausnimmt, die 4 und mehr Frauen nach vorne gewählt hatten.

Und das klingt ja tatsächlich gar nicht so unlogisch. Mich hat also wieder die Neugier gepackt und ich wollte wissen, was passiert, wenn noch mehr Stimmen herausrechnet – nicht nur die mit 4+ rein-weiblichen Erstpräferenzen, sondern auch die mit 1+ rein-weiblichen Erstpräferenzen. Also alle Wahlzettel nicht berücksichtigt, die ausschließlich Frauen auf die Erstpräferenz gesetzt hatten.

Es gab 134 solcher Wahlzettel. Übrig blieben also 169 Wahlzettel (somit mehr als die Hälfte), die mindestens auch einen Mann auf der Erstpräferenz hatten. Und so sieht die Liste berechnet nur mit diesen Stimmen aus (in Klammern die Position auf der tatsächlichen Liste):

  1. Cornelia Otto (1)
  2. Lena Rohrbach (3)
  3. Miriam Seyffarth (2)
  4. Andreas Pittrich (5)
  5. Ulrike Pohl (4)
  6. Jan Hemme (7)
  7. Anisa Fliegner (8)
  8. Michael Melter (12)
  9. Enno Lenze (9)
  10. Daniel Schweighöfer (14)
  11. Fabricio Martins do Canto (nicht gewählt, Schulze-Rang 16)
  12. Dr. Jens Kuhlemann (nicht gewählt, Schulze-Rang 17)

Und das hat mich jetzt schon überrascht. Selbst unter Wählern, die auch einen Mann ganz vorne sehen wollen, gewinnt unsere weibliche Top3.

Was sich also schon auf den Präferenzprofilen angedeutet hat, wird nun noch klarer: Wir haben Spitzenkandidaten, die einen sehr breiten Rückhalt im gesamten Landesverband haben.

Eine Anmerkung: Ich möchte mit diesen Rechnereien nicht ausdrücken, dass die Stimmen mit rein-weiblichen Erstpräferenzen illegitim oder irgendwie weniger “wert” sein. Natürlich sind alle Stimmen gleich viel wert und jeder darf und soll selber entscheiden, nach welchen Kriterien und Motivationen er wählt.

Ich finde solche Zahlenspiele einfach nur genauso interessant wie Jörg Schönenborn, wenn er schaut, wieviele Erstwähler Piraten gewählt haben – und damit ja auch nicht sagt, Stimmen von Zweitwählern seinen weniger wert.

Berliner Piraten-Liste ohne “Feministen-Stimmen”

Am vergangenen Wochenende haben die Berliner Piraten ihre Kandidatenliste für die kommende Bundestagswahl gewählt. Für viele überraschend daran war, dass auf die ersten vier Plätze nur Frauen gewählt wurden, und auf der Liste insgesamt 8 von 14 Frauen stehen, was einen Frauenanteil von 57% ausmacht. Und das ohne eine Frauenquote.

Daraufhin gab es einzelne Stimmen, diese Frauen seien nur wegen ihres Geschlechts gewählt worden, dank einer “Quote im Kopf” sozusagen. Und so ganz unbegründet ist der Verdacht nicht: Vor der Wahl gaben 34 Piraten eine “Selbstverpflichtung” ab, auf die ersten 4 Plätze nur Frauen zu wählen.

Ich fand diesen Verdacht jedoch schon beim ersten Hören nicht überzeugend. Ich halte selber wenig von Geschlechterquoten und hatte versucht, mit dem Geschlecht der Kandidaten so umzugehen wie mit deren Hautfarbe, sexueller Orientierung etc.: Es nämlich nicht bewusst zu beachten, anstatt es zu beachten. Dennoch kam ich bei meinem eigenen Stimmzettel auf 40% Frauen im Ja-Bereich und sogar 60% in meiner Top 5 – was überdurchschnittlich war, bei nur 28% Frauen unter allen Kandidaten.

Aber ich empfand die Auswahl eben so. Es gab für mich einfach mehr kompetente Kandidatinnen als Kandidaten.

Ich vermutete nun, dass da auch anderen Wählern so ging. Und das schöne an unserem Schulze-Wahlverfahren ist, dass nachher alle Stimmzettel einzeln digital vorliegen. Man muss also gar nicht groß spekulieren, sondern kann selber direkt mit den Daten herumspielen.

Ich wollte also wissen, auf welches Ergebnis man kommt, wenn man die Stimmen der “Selbstverplichtungs-Piraten” nicht berücksichtigt. Dazu habe ich alle Wahlzettel herausgenommen, auf deren vorderen Präferenzstufen mindestens 4 Frauen und kein Mann angekreuzt waren. Das sind genau 56 Wahlzettel.1

Mit den übrigen 247 Stimmzetteln habe ich dann das Ergebnis neu berechnet. Und so hätte diese Liste ausgesehen (in Klammern die Plazierung auf der Original-Liste):

  1. Cornelia Otto (1)
  2. Miriam Seyffarth (2)
  3. Lena Rohrbach (3)
  4. Andreas Pittrich (5)
  5. Ulrike Pohl (4)
  6. Jan Hemme (7)
  7. Laura Dornheim (6)
  8. Anisa Fliegner (8)
  9. Enno Lenze (9)
  10. Michael Melter (12)
  11. Stephan Urbach (11)
  12. Daniel Schweighöfer (14)
  13. Dr. Jens Kuhlemann (nicht gewählt, Schulze-Rang 17)
  14. Heide Hagen (10)

Die wesentlichste Änderung: Aus der weiblichen Top4 wäre eine weibliche Top3 geworden, sonst gäbe es ein paar Verschiebungen um 1 oder 2 Plätze. Mareike Peter wäre nicht mehr dabei, dafür Jens Kuhlemann drin. Der Frauenanteil der gesamten Liste wäre also nur von 57% auf 50% gesunken.

Und so hätten die Präferenzprofile der ersten 3 ausgesehen:

stimmenprofil-praeferenzwahl-avb13-12stimmenprofil-praeferenzwahl-avb13-44stimmenprofil-praeferenzwahl-avb13-27

Auch hier also keine wesentliche Veränderung zum Original.

Kurzum: Es sieht ganz danach aus, dass wir auch ohne die Selbstverpflichtung einiger Piraten, 4 Frauen nach vorne zu wählen, 3 weibliche Spitzenkandidaten hätten.

Anhang:

1 Es kann natürlich auch Wähler gegeben haben, die aus anderen Gründen als der Selbstverpflichtung 4 Frauen und keinen Mann nach vorne gewählt haben. Diese “False Positives” würden sich aber zu Ungunsten des Frauenanteils auswirken. Trotzdem bleibt der Frauenanteil aber hoch.

Nachtrag 3.3.: Berliner Piraten-Top3 bleibt weiblich, selbst wenn …

Safe-Spaces – dynamisch vs. universell

Der interessanteste und schönste Artikel, den ich rund um die Umgangsformen und deren Kritik beim 29C3 gelesen haben, war der von Sam Becker. Sam ist Autistin und machte sich schon vor dem Congress Sorgen:

Schon ein paar Tage vor dem Congress zeichnete es sich ab, dass ich doch ganz große Angst hatte mich nicht gut mitteilen zu können und meine sehr niedrigen Grenzen nicht deutlich genug machen zu können. Daher musste ich mich mit meinem Freund darüber unterhalten.

Ich erklärte ihm, ich hätte große Angst, dass mir jemand bei den Unterhaltungen die Hand geben würde, oder aber mein komisches Verhalten falsch verstehen könnte.

Da ich in Stress-Situationen leider manchmal völlig überfordert reagiere, musste eine Lösung her bei der ich nicht gezwungenermaßen kommunizieren musste und trotzdem wild fremde Menschen mein Anliegen verstanden. Und dies möglichst ohne das mein Partner ständig mich erklären muss.

Daraufhin hat ihr Freund ein T-Shirt für sie entworfen:tshirt-dont-touch

Ganz unten steht:

Show me, talk to me, bear with me,
but please:
DON’T TOUCH!!!!

Die Erfahrungen, die sie dann damit gemacht hat, waren offenbar durchweg positiv und es lohnt sich, sie zu lesen.

Ich fand die Idee unheimlich interessant und hatte sie kommentiert mit

Sehr coole Idee: Transparente Kommunikation der eigenen Bedürfnisse. Könnten man ja in Zukunft vllt. auch digital bereitstellen und dann per Bluetooth in die Google-Brille des Anderen automatisch übertragen.

Das Interessante ist, dass das Shirt einem grundlegend anderen Ansatz folgt bei der Frage, wie man verhindert, dass Menschen Handlungen begehen, die andere stören. Gewöhnlich nehme ich da nämlich dieses Prinzip wahr:

Handlung X stört manche Menschen, außerdem ist X sexistisch / rassistisch / homphob / ableistisch / transphob, daher sollten alle aufhören, X zu tun, auch untereinander.

In Debatten mit Menschen mit dieser Prämisse geht es dann darum, möglichst alle X zu identifizieren. So kann man dann eine möglichst umfassende Menge an Handlungen gewinnen, die man dann für unerwünscht erklärt.

Die Logik dahinter ist auf den ersten Blick auch bestechend einfach: Wenn niemand mehr etwas tut, was jemand anderen stören könnte, fühlt sich niemand mehr gestört.

Das Problem ist nur: Man kann sich ja auch davon gestört fühlen, wenn andere etwas nicht tun. Während Sam eben Berührungen nicht möchte, habe ich schon oft Südeuropäer und Südamerikaner getroffen, denen der Umgang in Deutschland zu “kalt” sein, weil eben auch Berührungen fehlen.

Ebenso kann man sich auch davon gestört fühlen, etwas nicht tun zu können. So kann es z.B. störend sein, wenn man sich in einem bestimmten Raum mit seinem Partner nicht küssen darf (weil das wiederum jemand anderes stören würde).

Ein Raum also, in dem sich alle wohlfühlen, der niemanden diskriminiert (sozusagen der universale Safe-Space) ist somit vielleicht gar nicht erreichbar.

Aber den muss es ja womöglich auch gar nicht geben. Es reicht ja zu wissen, wo meine Safe-Spaces sind bzw. wie ich sie mir produziere: Denn Spaces können ja auch sehr dynamisch sein. Ein Raum, in dem bestimmte Handlungen / Äußerungen erwünscht sind und andere nicht, kann ja auch einfach durch die Wünsche und deren Kommunikation der Anwesenden definiert werden und spontan entstehen.

Wir kennen das vielleicht, wenn jemand anfängt, von etwas Ekligem zu erzählen und wir darum bitten, damit aufzuhören, weil wir gerade gegessen haben. Fortan ist dann “von Ekligem erzählen” eine unerwünschte Handlung. Aber auch nur solange, wie wir da sind. Und wir kämen nicht auf die Idee, “von Ekligem erzählen” grundsätzlich für unerwünscht zu erklären.

Und Sams T-Shirt zeigt eindrucksvoll, dass das auch beim Handgeben funktionieren kann – einer verbreiteten Handlung unter Unbekannten, die so akzeptiert ist, dass sie vermutlich nicht mal Awareness-geschulte Menschen problematisch sehen würden.

Das Shirt folgt auch dem viel einfacheren und einleuchtenderen Prinzip:

Mich stört X, deshalb tut bitte X nicht mit mir / in meiner Gegenwart.

Und es kommuniziert dieses X effektiv.

Ich glaube, genau diese Kommunikation wird die Herausforderung in der Zukunft sein. Denn bislang können wir ja häufig noch gut erraten, welche X andere stören – weil wir uns häufig in ähnlichen Gruppen bewegen bzw. mit Menschen aus den gleichen Kulturen zu tun haben. Das aber nimmt ab und wird noch mehr abnehmen (Stichwort Globalisierung), häufiger werden wir unterschiedlichen Menschen zu tun haben, also auch mehr kommunizieren müssen. Und vielleicht wird das irgendwann so komplex, dass uns wirklich die Google-Brille unterstützen muss.

Woran erkennt man, dass keine Diskriminierung vorliegt?

Vorneweg: Ich war nicht auf dem 29C3 – das folgende basiert also auf dem, was ich währenddessen und nachher drüber gelesen hab.

Ein zentrales Thema war offenbar sexistische Diskriminierung und der Umgang damit. Die Diskussion darüber hatte mich heute zu diesem Tweet inspiriert:

Mich hat das ganze nämlich an frühere Diskussionen über Diskriminierung bei den Piraten erinnert: Es herrscht immer große Einigkeit darüber, dass Diskriminierung schlecht und zu bekämpfen sei, aber offenbar kaum darüber, was Diskriminierung ist.

Und das ist ziemlich unpraktisch. Wenn man ein Ziel erreichen will, sollte man ja zuerst definieren, woran man erkennen kann, dass man das Ziel erreicht hat. Wenn man also einen Congress ohne (oder erstmal mit weniger) Diskriminierung haben will, sollte man irgendwie definieren, wie ein Congress ohne oder mit weniger Diskriminierung aussieht.

Und das ist wohl gar nicht so einfach. Spontan könnte man sagen, es solle sich niemand belästigt fühlen. Aber wovon sich Menschen belästigt fühlen, ist offenbar verschieden:





Manche finden diskriminierend, wenn Geschlecht nicht thematisiert wird; andere, wenn es thematisiert wird. Bei noch anderen kommt es aufs Wie drauf an. Wiederum andere meinen, Diskriminierung an einer Geschlechter-Asymmetrie der Besucher ablesen zu können: Wenn es wenig Frauen sind, muss es offenbar ein Problem geben. (Seltsamerweise gilt aber Alters-Asymmetrie irgendwie nicht als Problem, jedenfalls habe ich noch keine Kritik gesehen, die sich an zu wenig Besuchern im Senioren-Alter gestört hat.)

Daher halte ich es wirklich für sinnvoll, hier erstmal das Ziel zu formulieren. Gilt der Congress als diskriminierungsfrei, wenn sich niemand beschwert, belästigt worden zu sein? Wenn sich niemand beschwert – außer, es ist eine Antifeministin? Wenn er von genauso vielen Männern wie Frauen besucht wird? Wenn er von genauso vielen 20- wie 60jährigen besucht wird?

Vielleicht ergeben sich dann ja auch einander ausschließende Ziele, die man gegeneinander abwägen muss: Ein Klima, in dem möglichst ausgeschlossen ist, dass niemand durch einen Witz oder eine Bemerkung belästigt wird, ist wohl gleichzeitig auch ein Klima, in dem man sehr darauf achten muss, was man sagt. Letzteres wiederum könnten manche als störend empfinden – und sich ausgeschlossen fühlen.

Sicher ist jedenfalls: Erst mit einem formulierten Ziel kann man die richtigen Mittel finden, um es zu erreichen.

“Gleiche Bedingungen für jedes Kind!”

Oder: Wenn alle Kinder ins Heim müssen

Ich hab mich neulich mit jemandem aus Absurdistan unterhalten. Es ging um die merkwürdige Praxis dort, dass sie die Kinder gleich nach der Geburt von ihren Eltern wegnehmen und in staatlichen Heimen aufwachsen lassen. Dort können die Kinder zwar von den Eltern besucht werden, aber schlafen, essen, spielen usw. müssen sie alles im Heim machen, unter Aufsicht von gut ausgebildetem Personal.

Das gilt auch pauschal für alle Kinder, Ausnahmen sind nur möglich, wenn die Eltern ein privates Heim finden, das aber in der Qualität der Spielzeuge, der Ernährung und des Personals nicht zurückstehen darf. Dann kann das Kind auch in das private Heim gehen. Zu Hause leben ist aber tabu.

Ich fand das eine ziemlich harsche Regelung und fragte, warum man das so macht. “Ganz klar, es geht um Chancengleichheit!” antwortete mir mein Gegenüber. “Jedes Kind soll unabhängig von seinem Elternhaus die gleichen Bedingungen haben beim Aufwachsen. In den Heimen bieten wir jedem Kind eine gute Ernährung und pädagogisch-wertvolle Spielzeuge unter professioneller Aufsicht, so dass kein Kind zurückbleibt.”

“Ja gut”, entgegnete ich, “aber was ist, wenn es einem Kind im Heim nicht gefällt?”

“Für solche Kinder haben wir besondere Heime, in denen wir auf ihre besonderen Bedürfnisse eingehen. Sie kriegen andere Spielzeuge und dürfen auch öfter ihre Eltern sehen. Zudem werden sie therapeutisch begleitet, damit sie irgendwann wieder in den normalen Heimen leben können.

Und überhaupt: Nachmittags können die Kids ja auch rausgehen, bei Geburtstagen oder anderen Familienfesten kriegen sie auch schon mal den ganzen Tag frei. Und es gibt Heimurlaub ein paar Mal im Jahr, dann können sie mit ihren Eltern auch mal wegfahren.”

Ich fand das nicht befriedigend. “Warum könnten denn nicht einfach die Kinder in den Heimen leben, denen es dort gefällt; und die anderen leben bei ihren Eltern, wenn es ihnen da besser gefällt?”, fragte ich vorsichtig.

“Woher sollen denn Kinder bitteschön wissen, wo sie leben wollen?”, antwortete mir mein Gesprächspartner empört. “Das können sie doch gar nicht frei entscheiden, ja nicht mal ausdrücken als Babies! Ich dagegen verstehe eher nicht, wie ihr in Deutschland einfach Neugeborene an ihre Eltern aushändigen könnt. Woher wisst ihr denn, ob die sich mit frühkindlicher Entwicklung auskennen? Oder mit gesunder Ernährung? Sind nicht viele Kinder bei Euch übergewichtig? Und wie schützt ihr sie vor Isolation und Indoktrination bei religiös-fanatischen Eltern? Die die Kinder dann einfach nicht aus dem Haus lassen. Oder vor Vernachlässigung? Sind davon nicht sogar schon Kleinkinder qualvoll verhungert?!”

Darauf fiel erstmal nichts ein. Mir kam zwar irgendwas in den Sinn mit Freiheit, die man nur mit guten Gründen und nicht pauschal einschränken sollte; und dass es mit Freiheit nie absolute Sicherheit geben kann, aber die konkreten Einwände waren einfach zu plastisch. Und was sollte ich schon gegen den Schutz von Kindern sagen?

“Mit unserem Heimen bieten wir allen Kinder Plattformneutralität” rundete meine Gegenpart ab. “Klar, es gefällt vielleicht nicht jedem, aber dafür geht es allein gleich. Nur mit den Heimen können wir gleiche Bedingungen für jedes Kind herstellen, unabhängig davon, ob es reiche, arme, bildungsnahe, bildungsferne, religiöse oder aufgeklärte Eltern hat. Und gerade die neuesten Erkenntnisse zu frühkindlicher Entwicklung bestätigen uns, wie wichtig bereits die Einflüsse im Kleinkindalter sind.”

Zur diesem fiktiven Gespräch wurde ich inspiriert durch viele, ganz reale Diskussionen zum Thema Schufpflicht, Bildungspflicht und Bildungsrecht in den letzten Jahren; und erst neulich wieder bei den Berliner Piraten, die am vorletzten Sonntag die Ersetzung der Schulpflicht durch eine Bildungspflicht beschlossen haben.