Anti-Sexismus braucht das ganze Bild

Die Veröffentlichung der Ergebnisse der Gender-Umfrage bei den Piraten liegt nun schon eine Woche zurück und trotzdem hab ich nun nochmal was aufgeschrieben, weil mir gerade in der Berichterstattung darüber ein paar Sachen aufgefallen sind.

Aber erstmal für die, die die Umfrage  nicht kennen: bitte hier entlang, ist wirklich interessant. Dafür auch hier nochmal großen Dank an den Kegelklub für die Mühe, über vieles müssen wir jetzt nicht mehr spekulieren.

Über zwei Dinge will ich was los werden, und auch was Allgemeines. Dabei gehts mir gar nicht so sehr um einen Kontrapunkt zum Kegelklub – denn dessen Gender-Positionen wie hier im Equalismus-Papier sind schon mal ziemlich dufte –  sondern vielmehr um eine Sache, die m.E. noch deutlicher rüberkommen muss.

Zum einen heißt es, die Umfrage zeige, man müsse “noch viel Aufklärungsarbeit leisten.”

So denken 22 Prozent der Befragten, beim Feminismus gehe es um die Bevorzugung von Frauen, 13 Prozent gar, der Hauptzweck sei der Kampf gegen Männer. Nur 22 Prozent antworteten, beim Feminismus gehe es um die Gleichstellung der Geschlechter.

Ich hab mir dann mal vorgestellt, die katholische Kirche hätte die Bevölkerung gefragt, wofür sie stehe, und in der Zeitung stünde dann:

So denken 22 Prozent der Befragten, bei der katholischen Kirche gehe es um staatliche Bevorzugung einer Religion, 13 Prozent gar, der Hauptzweck sei “Geldwäsche und Verdeckung von Kindesmissbrauch”. Nur 22 Prozent antworteten, die katholische Kirche sei eine Glaubensgemeinschaft von Christen. Da muss also noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden.

Klingt komisch, oder? Die Deutungshoheit über einen Begriff liegt eben nicht allein bei den Menschen, die sich hinter ihm sammeln. Und gerade wenn die Frage lautet “Wofür steht der Begriff Deiner Meinung nach?” (wie in der Kegelklub-Umfrage), ist ja auch eine persönliche Interpretation gefragt. Es passt daher nicht, den Leuten, die in der Kirche die staatliche Bevorzugung einer Religion sehen, automatisch Uninformiertheit  zu unterstellen. Ebensowenig passt es, Leuten, für die Feminismus nicht die Gleichstellung der Geschlechter bedeutet, pauschal Aufklärungsbedarf zu unterstellen.

Und nun zum zweiten Punkt:

Doch es gab auch Ergebnisse, die die beiden schockiert haben: Über ein Viertel der weiblichen Parteimitglieder wurden schon einmal sexistisch beschimpft.

Ein definitiv trauriges Ergebnis, das zum Handeln auffordert, auch mich selber. Und alle anderen – Männer, Frauen und Eichhörnchen. Mein Eindruck ist aber, dass Sexismus oft ausschließlich als ein Problem mit männlichen Tätern und weiblichen Opfern gesehen wird.  So werden Kegelklubber – obwohl sie sich nicht nur mit Frauen-Diskriminierung beschäftigen – oft nur über diese zitiert:

Sie findet deswegen den alltäglichen Sexismus schlimmer – dass Frauen als Schlampen bezeichnet werden. “Auch Sprüche wie ‘Frauen und Technik’ kommen manchmal”, sagt sie.

Diese gebiaste Sicht wird so allgemein angenommen, dass sie selbst offenbar auch dann nicht auffällt, wenn man Sexismus objektiv messen will. Die Frage, die zu o.g. Ergebnis führte, lautete nämlich:

Hast Du in der Piratenpartei schon einmal sexistische Kommentare (z.B. “Macho-Sprüche”) mitbekommen?

Ja, was kann ich als Mann darauf antworten? “Klar kannst Du nicht multi-tasken, bist ja auch ein Mann” ist eindeutig sexistisch, aber irgendwie doch kein Macho-Spruch. (Die Kegelklubber sehen inzwischen auch den Bias in der Frage.) Ich will jetzt nicht unterstellen, dass Männer bei den Piraten genauso von Sexismus betroffen sind, ich will nur festhalten: Wir wissen es nach der Umfrage immer noch nicht wirklich.

Und an der Stelle ein wichtiger Einwurf: Es geht überhaupt nicht darum, jetzt Männer-Diskriminierung aufzuzählen, um damit Frauen-(oder Eichhörnchen-)Diskriminierung zu relativieren. Es geht darum, möglichst das ganze Bild zu sehen, weil nur das die Grundlage ist, um auch nachhaltig was zu ändern.

Und dazu muss ich etwas ausholen. Vor einiger Zeit hab ich den schönen Artikel Ich bin Equalist von Ben Stöcker gelesen und erlaube mir mal, ihn etwas länger zu zitieren:

Ich war mal im Bundesvorstand der Piratenpartei. Und die Amtszeit war nicht sonderlich glücklich, um es mal charmant auszudrücken. Direkter gesagt: Es war scheiße, ich habe Fehler gemacht. Natürlich haben diese Fehler Gründe, welche zum guten Teil noch nicht mal bei den Piraten liegen. Das Ganze ist jetzt mehr als ein Jahr her – für die Piraten ist das eine Ewigkeit, in der Zeit krempelt sich da einmal die Partei um. Dennoch ist das immer wieder Thema wenn Piraten mich umgeben und dennoch werde ich dafür gestichelt, gefragt und dumm angeschaut. Zugegeben, geschenkt: Ich komm mit so einem Scheiß ganz gut zurecht. Aber ich bin mir sicher: Wäre ich eine Frau, würde das Ganze so nicht passieren. Frauen dürfen Fehler machen, fehlbar sein. Männer dürfen das in der Regel nicht: Gesellschaftlich werden ihnen Fehler länger nachgetragen, sie haben unfehlbar zu sein.

Ich weiß nun nicht, wie sehr Bens Wahrnehmung verallgemeinert werden kann und ob seine Einschätzung stimmt, eine Frau hätte das nicht erlebt. Ich hab ihn aber sonst als alles andere als reaktionär und frauenhassend kennen gelernt. Und wenn etwas an seiner Einschätzung dran ist, dann steckt dahinter auch ein Problem, das gerade Frauen bei den Piraten und in der Gesellschaft betrifft: Wen man ihnen nämlich eher Fehler verzeiht, dann erwartet man von ihnen wohl auch weniger Können. Und nimmt sie dann z.B. oft nur über ihr Aussehen wahr.

Das, was also auf den ersten Blick als Diskriminierung eines Geschlechts aussieht, kann auf den zweiten genauso das andere betreffen. Wir müssen somit versuchen, immer das ganze Bild zusammenzutragen. Wir müssen versuchen, alle Diskriminierungen gleichermaßen wahrzunehmen, eben weil ein Vorteil an einer Stelle woanders oft ein Nachteil sein kann.

Das Problem dabei ist, dass unsere eigene Wahrnehmung immer gebiast ist, beeinflusst durch unsere Ansichten und Glaubenssätze (von denen sich alle in Zukunft als unzureichend oder falsch herausstellen werden). Wer der festen Überzeugung ist, vor allem Männer werden benachteiligt, nimmt dann vor allem Männer-Benachteiligung wahr. Genauso aber auch andersrum.

Dagegen kann helfen, sich gezielt anderen Wahrnehmungen auszusetzen. Wir sollten daher auch denen zuhören, die auf Männer-Diskriminierung hinweisen, auch wenn wir vielleicht viele ihre Erklärungen und Schlussfolgerungen falsch, lächerlich oder gar gefährlich finden. Wir brauchen auch ihre Wahrnehmungen, um dem ganzen Bild näher zu kommen.

Eine solche interessante Wahrnehmung, die mich immer noch beschäftigt, fand ich zuletzt in diesem Text: Die ästhetisierte Gewalt. Leseempfehlung!

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