Was will eigentlich Sigmar Gabriels Partnerin?

Was will eigentlich die Partnerin von SPD-Chef Sigmar Gabriel? Möchte sie gern ihr bald erwartetes Kind alleine betreuen? Möchte sie berufstätig sein? Hat sie dazu schon jemand befragt? Aber von vorne:

Sigmar Gabriel wird im April Vater und engagierte Frauen haben ihm dazu gestern einen offenen Brief geschrieben (unterzeichnet u.a. von Gesine Schwan und Anke Domscheit-Berg) und gefragt:

  • Wie steht es für Sie als Politiker um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie?
  • Werden Sie sich für die Ermöglichung der Elternzeit für Abgeordnete einsetzen?
  • Fühlen Sie sich der Doppelbelastung als Vater und Parteivorsitzender gewachsen?
  • Trauen Sie sich als frisch gebackener Vater die Leitung des Bundestagswahlkampfes zu?
  • Mehr noch: Kann ein junger Vater Kanzler werden?
  • Wie schnell werden Sie nach der Geburt Ihres Kindes wieder Ihren Beruf aufnehmen?
  • Machen Sie sich Sorgen, dass Ihr Job Begehrlichkeiten weckt, wenn Sie die Berufsarbeit unterbrechen?

Allesamt Fragen, die bislang vor allem berufstätige Frauen gestellt bekommen, wenn sie Mutter werden und weiter arbeiten wollen. Und damit ist den Autoren eine schöne Pointe gelungen: Sie haben den Spieß umgedreht und zeigen durch das Stellen der gleichen Fragen an einen Mann, wie absurd das ist. Wie absurd und respektlos es ist, von jemandem nur aufgrund des Geschlechts eine bestimmte Rolle zu erwarten und bei Nicht-Entsprechung eine öffentliche Rechtfertigung.

Der Brief als reine Satire wäre damit eine schöne Bereicherung für Debatte um Geschlechtergerechtigkeit und die Vereinbarung von Familie und Beruf.  Nur – die Autoren wollen nun tatsächlich auch eine Antwort vom SPD-Chef. Mehr noch, sie wollen, dass er offenbar etwas ändert und die Chance ergreift,

das Leitbild einer partnerschaftlichen Familie öffentlich wirksam vorzuleben und ihm damit neue Wege zu bahnen.

Und die Aufforderung sagt ja aus: Aus Sicht der Autoren tut er das bislang nicht. Aber woraus schließen sie das?

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Autoren vorher mit der werdenden Mutter gesprochen hätten. Es ist auch keine Äußerung von dieser bekannt, sie würde eigentlich lieber berufstätig sein und sich von ihrem Mann wünschen, mehr Zeit für das neue Kind zu haben. Die Autoren wissen nicht, ob Mutter und Vater die Familienplanung partnerschaftlich oder autoritär entschieden haben – und füllen diese Wissenslücke, ohne es zu merken, mit dem Stereotyp des karrierefixierten, egoistischen Mannes und der durchsetzungsschwachen Frau.

Und auch in der Aufforderung, etwas zu ändern, kommt die Mutter nicht vor. Allein Herr Gabriel wird angesprochen, etwas “vorzuleben”, als ob er das allein zu entscheiden hätte und die Mutter ihm natürlich folgen werde. Sorry, aber was für ein Frauenbild wird denn da implizit kommuniziert?

Gut, ich glaube nicht, dass das so gemeint war. Ich glaube durchaus, dass es den Autoren vor allem darum ging, auf die aktuelle, real-existierende Ungleichbehandlung von Männern und Frauen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aufmerksam zu machen. Und da haben sie definitiv Recht: Es ist ein Unding, wenn frischgebackene Väter sich meist einfach so für den Vollzeitjob entscheiden können, Mütter aber Vorwürfe gemacht kriegen. Mit dem Brief ist das Thema jetzt breit in den Medien und das ist schön.

Das Problem ist aber nicht, dass von Frauen etwas erwartet wird und von Männern nicht – das Problem ist, dass überhaupt etwas erwartet wird. Und da hilft es nicht, den Quatsch umzudrehen, sondern man muss ganz mit ihm aufhören.

Daher finde ich gerade die Aufforderung so seltsam. Es ist respektlos, von Politikern zu verlangen, irgendwelche Familienleitbilder – seien sie noch so toll und “progressiv” – im Privaten vorzuleben. Gerade Erstunterzeichnerin Julia Schramm hat doch selbst die Erfahrung gemacht, wie doof sich das anfühlt – als ihr öffentlich vergeworfen wurde, ihre Heirats-Entscheidung samt öffentlicher Twitter-Verlobung sei “rückständig”.

Und es ist nicht nur respektlos, es ist übrigens auch so ziemlich das Gegenteil von dem, was die Piratenpartei will:

Aus der geschlechtlichen oder sexuellen Identität bzw. Orientierung darf sich weder ein Vorrecht noch eine Verpflichtung zu einer höheren oder geringeren Einbindung in die Kinderversorgung ergeben. Wir Piraten setzen uns ein für den Abbau noch bestehender gesellschaftlicher Erwartungshaltungen, die eine tatsächlich freie, individuelle Entscheidung verhindern oder erschweren.

Es geht also nicht darum. neue (“bessere”) Erwartungshaltungen zu schaffen; es geht darum, sie ganz abzuschaffen.

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One thought on “Was will eigentlich Sigmar Gabriels Partnerin?

  1. Anders

    Finde ich gut, dass und wie du das Thema aufgreifst. Allerdings muss ich aus meiner Sicht sagen, dass “Es ist ein Unding, wenn frischgebackene Väter sich meist einfach so für den Vollzeitjob entscheiden können, Mütter aber Vorwürfe gemacht kriegen” nur ein Teil der Geschichte ist.

    Ich als Mann hab bei mir und auch bei mir im Bekanntenkreis erlebt, dass Männer nicht wirklich darüber entscheiden dürfen, ob sie als “Hausmann” für die Kinder (und die anderen Dinge) da sein “dürfen”.
    Nach meinen bisherigen Erfahrungen gehen Frauen davon aus, dass sie ein erstes natürliches Recht darauf haben, die Rollenverteilung festzulegen.
    [Ich spreche hier bewusst von "Erfahrung" .da ich das nicht wissenschaftlich untersucht habe].
    Fände es ganz nett, wenn Mädels auch mal ein Bewusstsein für diesen Misstand bekommen würden

    Reply

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