Balancierte Redeliste als Alternative zur Quotierten Redeliste

Als Alternative zur quotierten Redeliste schlage ich die balancierte Redeliste vor. Sie bevorzugt direkt Diskussionsteilnehmer, die wenig sagen, und benachteiligt jene, die viel sagen – unabhängig von deren Geschlecht.

Beispiel
An unserer Diskussion nehmen Paul, Kerstin, Anna und Stefan teil. Es melden sich Paul und Kerstin, auf unserer Redeliste notieren wir

Paul      1
Kerstin   2

und geben Paul das Wort, streichen somit Pauls 1 gleich durch.

Paul      1
Kerstin   2

Als Paul fertig ist, geben wir Kerstin das Wort und streichen ihre 2. Während Kerstin spricht, meldet sich wieder Paul, aber auch erstmals Stefan.

Paul      1 3
Kerstin   2
Stefan    4

Kerstin ist fertig und wir müssen nun zwischen Paul und Stefan entscheiden. Zunächst schauen wir, wer bislang weniger zu Wort kam, wessen Nummer also am weitesten links steht. Das ist Stefan, wir geben also ihm das Wort und streichen seine 4.

Paul      1 3
Kerstin   2
Stefan    4

Während Stefan spricht, will endlich auch Anna was sagen:

Paul      1 3
Kerstin   2
Stefan    4
Anna      5

Als Stefan fertig ist, geben wir Anna das Wort, Paul muss also noch warten

Paul      1 3
Kerstin   2
Stefan    4
Anna      5

und kommt jetzt erst zu Wort.

Zu einem späteren Zeitpunkt könnte die Liste z.B. so aussehen:

Paul      1 3 8
Kerstin   2 9
Stefan    4 7
Anna      5 6

Wer sollte als nächstes zu Wort kommen? Es ist Stefan, er hat bislang genauso viel gesprochen wie Kerstin, hat sich aber früher gemeldet.

Wir schauen also immer zunächst, welche Nummern am weitesten links stehen. Stehen mehrere Nummern in einer Spalte, nehmen wir die kleinste.

Fazit
Die balancierte Redeliste bevorzugt und benachteiligt nach konkretem Redeverhalten, also nach etwas, das jeder Teilnehmer auch ändern kann. Sie hilft auch gehemmten Männern, besser zu Wort zu kommen und dominierende Frauen zu bremsen.

Erweiterung: Dauer statt Häufigkeit
Das vorgestellte Beispiel balanciert basierend auf der Rede-Häufigkeit. Alternativ könnte man das auch auf Grundlage der Rede-Dauer. Während ein Teilnehmer spricht, läuft eine Uhr mit, die Redeliste summiert die jeweilige Gesamt-Rededauer pro Teilnehmer und erteilt das Wort immer dem Teilnehmer mit der geringsten Gesamt-Rededauer.

Hierfür bräuchte man aber wohl technische Hilfe – evtl. mit einem (Javascript-)Programm.

12 thoughts on “Balancierte Redeliste als Alternative zur Quotierten Redeliste

  1. Till Westermayer

    (Ach so, und als genereller Hinweis noch: die quotierte Redeliste bei grünen Parteitagen findet in einem setting statt, bei dem nicht “frei” diskutiert wird, sondern eine gewisse Zahl an Redebeiträgen ausgelost wird. Beispiel: zum Thema Bürgerrechte soll es eine Debatte mit sechs Beiträgen geben. Dann können – nach Geschlecht unterschieden – Wortmeldungen abgegeben werden. Es werden dann entsprechend viele Frauen und Männer “gezogen”, die reden dürfen. Wenn es weniger als – in diesem Fall – drei weibliche Wortmeldungen gibt, wird die Zahl der Beiträge insgesamt üblicherweise reduziert. Insofern ist das hier propagierte Modell keine Alternative, weil bei Parteitagsdebatten eh niemand zweimal zu Wort kommt.)

    Reply
  2. Alexander Orlov

    Beides ist absoluter Schmarn! Das eine ist ein Produkt verblendender Ideologie und das andere fördert nicht unbedingt die Qualität der Konversation. Es reduziert nur ihren Alpha-Männchen-Dominanz-Faktor; es ist sozusagen eine Art Asperger-Förderprogramm. Wie gesagt: Nur “sozusagen” und nur “eine Art”. Gleichzeitig macht es die Organisation so kompliziert, dass sie allein von Menschen nicht mehr organisiert werden kann — ok, man kocht das was man kennt am besten…

    Fakt ist, wenn Steinzeitmenschen solche Organisationskonzepte praktiziert hätten, bräuchten wir uns heute keine Gedanken um “Global Warming” zu machen. Und jetzt ratet mal warum…! Ich finder der Alpha-Männchen-Dominanz-Faktor hat sein Berechtigung, ansonsten wäre er nicht der Alpha-Männchen-Dominanz-Faktor, sondern ein asperger-naher Faktor.

    Reply
  3. Georg Post author

    @Till: Das Kriterium “Hat noch nicht geredet” kenne ich auch aus meinem Studentenparlament und halte das für einen guten Anfang. Frage mich eben, warum man da nur zwischen 0 und 1 bisherigen Redebeiträgen unterscheidet, aber nicht zwischen 1 und 8.

    Wenn in einer Diskussionsform tatsächlich niemand 2x zu Wort kommen kann, ist die balancierte Redeliste tatsächlich erstmal keine Alternative.

    Fraglich ist trotzdem, warum man dann verlangt, dass von den Rednern genau 50% Männer und 50% Frauen sein müssen, wenn die Diskussionsteilnehmer sich vielleicht anders zusammensetzen.

    Genauso naheliegend, aber absurd wäre es, dass die Hälfte der Sprecher über 45 Jahre alt sein muss, die andere jünger. Dass entspricht zwar der Aufteilung in der Gesamtbevölkerung, aber eben nicht bei jeder Diskussion.

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  4. Georg Post author

    @Alexander: Glaubst du wirklich, die Qualität eines Redebeitrags ist proportional zur Dominanz seines Redners?

    Verstehe nicht, warum man Benachteiligte nicht fördern soll. Ist doch schade, wenn sinnvolle Redebeiträge nicht stattfinden, weil andere Redner zuviel Raum einnehmen. Das ärgert mich auch als Zuhörer.

    Reply
  5. Alexander Orlov

    @Georg: Habe ich das irgendwo gesagt? Ich meinte, dass Balancierung nicht *notwendigerweise* die Qualität erhöhen würde. Ein nicht-balancierte Konversation (die vom Alpha-Faktor beherrscht wird) muss deswegen aber nicht unbedingt eine höhere Qualität implizieren.

    Benachteiligte fördern? Ok, das ist eine polit. Geschmacksfrage und über Geschmack sollte man sich bekanntlich nicht streiten.

    Dass sinnvolle Beiträge von “benachteiligten” Menschen — die bei klass. Podiumsdiskussionen nicht dran kommen — Gehör finden, dafür haben wir ja das schöne Netz, wo man Balancierungsregeln a la couleur wunderbar implementieren kann.

    Was man aber nicht vergessen sollte: menschl. Gesellschaft != (IT-)Cloud

    Und allg. zu Regeln: Sie erhöhen die Komplexität von Systemen — seien es Gesellschaftsysteme oder eben auch die IT. In der Gesellschaft kämpft man dagegen an, was wohl besser unter “Bürokratieabbau” bekannt ist.

    Reply
  6. Georg Post author

    OK, man kann sich vielleicht über die grundlegende Notwendigkeit von Geschäftsordnungen und Redelisten streiten (oder auch nicht).

    Mein Vorschlag richtet sich an die, die eine ausgleichend wirkende Redeliste wünschen und bislang nur die quotierte Redeliste kannten. Die Balancierung halte ich dabei für nicht wesentlich komplexer als die Quotierung.

    Reply
  7. Till Westermayer

    @Georg: für eine Situation, in der jede/r im Prinzip beliebig oft reden kann, ist das von dir vorgeschlagene System eine gute Idee.

    Aber nochmal zu den grünen Parteitagen. Der Bundesparteitag hat so ungefähr 800 Delegierte und dauert 1,5 bis 2,5 Tage. Da lässt sich leicht ausrechnen, dass, wenn die ganze Zeit nur geredet werden würde (gibt aber ja auch noch Abstimmungen, Gastreden, Showeinlagen, was weiss ich), jede/r Delegierte/r so ungefähr ein Redezeitbudget von 1,5 Minuten hat. Da dann zum Losverfahren zu greifen, und 3, 4 oder 5 Minuten Redezeit pro Person zuzulassen, finde ich sinnvoll. Und auch aus meiner Parteitagserfahrung kann ich sagen, dass die großen Debatten mit 20 Redebeiträgen – die gibt es teilweise auch – letztlich irgendwann ermüdend sind, weil nach einer Stunde dann doch keine neuen Argumente mehr kommen.

    Du schreibst, dass eine Geschlechterquotierung nur dann Sinn ergibt, wenn auch die Grundgesamtheit quotiert ist. Bei der grünen Partei ist der Anteil weiblicher Mitglieder ungefähr bei 40 %, wenn ich das richtig im Kopf habe. Die Delegationen der Kreisverbände sollen quotiert sein, so dass davon auszugehen ist, dass auch in der Delegiertenkonferenz ungefähr die Hälfte männlich und die Hälfte weiblich ist. Genau stimmt das nicht, aber so in etwa. Die Voraussetzung wäre also gegeben.

    Um’s noch komplexer zu machen: es gibt beim grünen Bundesparteitag noch eine Quote: unterschieden wird nämlich zwischen gesetzten und gelosten Redebeiträgen. Gesetzte Redebeiträge sind z.B. die Reden von AntragsstellerInnen, von grünen MinisterInnen, von irgendwelchen Gästen, die besonders hervorgehoben werden sollen. Diese sind nicht Teil des Losverfahrens (die oben angesprochene Bürgerrechtsdebatte könnte in der Praxis der Partei z.B. aus einer Antragsvorstellung (gesetzt), drei gelosten Redebeiträgen, einem Redebeitrag einer Fachfrau (gesetzt), drei weiteren gelosten Redebeiträgen und einem Schlusswort (Vorstand, gesetzt) bestehen). Es gibt aber seit einigen Jahren – damit bin ich wieder beim Thema – eine weitere Quotierung, nämlich die Regel, dass diese gesetzten Redebeiträge maximal 1/3 (glaube ich jedenfalls) der Redezeit einnehmen sollen, und dass zwei Drittel der Redezeit auf geloste Beiträge entfallen.

    Noch ein letztes: was ja ein wenig Ausgangspunkt der Debatte war, nämlich die von der Piratenpartei groß verbreitete Tatsache, dass zum Demokratie-Kapitel im Landtagswahlprogramm NRW keine Frau sprechen wollte, kommt zwar ab und zu vor, ist aber nicht der Regelfall. Da, wo es politisch auseinanderstrebende Meinungen gibt, wo es also um echte Meinungsbildung geht, sind in der Regel sowohl bei den Männern wie auch bei den Frauen eher mehr Redebeiträge eingereicht als Plätze dafür ausgelost werden.

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  8. Henning

    Vielen Dank für den Tipp! Habe die balancierte Redeliste beim EUDEC-Deutschland-Treffen ausprobiert: Hat gut funktioniert und war nicht schwer anzuwenden.

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  9. Thomas

    Hallo, hier ist eine einfacher Ansatz mit Zeitkonto, der Redner zusätzlich dazu ermuntert, sich kurz zu fassen:

    Die Redezeit wird in 30sec Einheiten abrechnet.
    Pro Rede hat jeder max. 4 Einheiten (2min) Zeit.
    Der Moderator führt eine Strichliste und macht alle 30sec beim aktuellen Redner einen Strich (oder nach der Rede).
    Will jemand reden, wird er mit einem Punkt markiert.
    Der nächste Redner ist der, der markiert ist und bisher am wenigsten
    Striche (also Redezeit) hatte.

    Reply

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