Technik frisst Privatsphäre

Fangen wir mit etwas Science-Fiction an.

Stellen wir uns ein Gerät vor, das wie eine Brille aussieht und auch so getragen wird, aber eine klitzekleine, kaum sichtbare Kamera eingebaut hat und zudem ein Mikrofon. Das Gerät zeichnet alle Personen in Bild und Ton auf, mit denen ich spreche oder auch nur vorbeilaufe oder neben denen ich in der Bahn sitze. Dank Biometrie und Stimmenanalyse kann es Personen wiedererkennen, denen ich schon mal begegnet bin. Es zeigt mir dann auf der Innenseite der Brillengläser den Zeitpunkt und Ort der letzten Begegnung mit einer Person an, die GPS-Koordinaten wurden ja gespeichert. Die aufgezeichneten Gespräche werden zudem mittels Sprachtechnologie semantisch erfasst, in einer Wissensdatenbank abgelegt, inhaltlich durchsuchbar. Nennen wir das Gerät ab jetzt einfach „Zweithirn“.

Mein Zweithirn hat aber nicht nur Zugang auf die von mir gesammelten Daten. Mittels Funkverbindung lädt es ständig alles in die „Cloud“ hoch – und dort kann es auf alle Daten der anderen Zweithirn-Benutzer zugreifen. Mit steigender Zweithirn-Nutzerzahl steigt also dessen Mehrwert enorm: Zu der Person, mit der ich gerade rede, kann ich mir anzeigen lassen, mit wem sie wann, was und wo zuvor gesprochen hat. Das Angebot meines Geschäftspartners kann ich so besser vergleichen, mein Partyflirt wird mir wenig vormachen können. Und mein Gespräch wird die Datenbasis der Person weiter vergrößern. Durch die vielen Zweithirn-Nutzer, an denen mein Gegenüber heute schon vorbeigelaufen ist, entstand sogar ein richtiges Bewegungsprofil.

Der zusammenhangslose Gesprächsfetzen, den ich in der Bahn von den zwei Leuten gegenüber mitkriege, wird durch die Informationen aus der Cloud nun klar verständlich für mich. Das extrem gute Mikrofon kann selbst Gespräche von ganz hinten aufzeichnen und auswerten. Die allerneueste Version des Zweithirns hat sogar einen sehr sensiblen Geruchssensor, mit dem es Menschen wiedererkennen kann.

Ohne Zweifel: Das Zweithirn mit angeschlossener Cloud wäre eine massive Gefahr für die Privatsphäre der erfassten Personen. Um sie zu schützen, müsste man mit allen Mitteln eine Zweithirn-Erfassung durch andere verhindern bzw. minimieren.

Juristisch scheint es auch gut auszusehen: Ungewolltes Abhören und Aufnehmen anderer Leute ist strafbar, möglicherweise sieht es bei Bildaufnahmen ähnlich aus; wenn nicht, könnte es dahingehend geändert werden. Aber ist nicht heute schon das Hochladen meines E-Mail-Adressbuchs auf Facebook ohne Einverständnis der Adress-Inhaber illegal? Wenn ja, scheint es wenige Facebook-Nutzer zu scheren. Es scheint ja auch schwer überprüfbar, und schwer überprüfbar könnte auch Zweithirn-Nutzung für andere sein: Hier hab ich es noch als für alle sichtbare Brille beschrieben, vielleicht lässt sich ein Designer ja was besseres einfallen. Wenn Hörgeräte heute schon so klein sind, dass sie in den Gehörgang passen, warum nicht irgendwann auch Abhörgeräte mit Funkverbindung? (Und wenn man mal so nachdenkt: Wie könnte man rechtlich das Abhören abgrenzen vom Telefonieren in der Öffentlichkeit? Das Mikro kann ja nicht entscheiden, ob es jetzt mich aufnimmt oder die Leute drumherum.)

Um wirklich also sicher zu gehen, müsste man sich technisch gegen Zweithirn-Erfassung schützen: Wie könnte das gehen? In der Öffentlichkeit nicht sprechen, nur noch mit Burka raus gehen? Massiv für das Recht auf ein verhülltes Gesicht kämpfen wie heute schon für Informationelle Selbstbestimmung? Am besten wohl ganz zu Hause bleiben?

Keines der genannten Zweithirn-Features scheint mir prinzipiell unrealisierbar. Vergleichen wir doch mal die Möglichkeiten, Daten zu erfassen, aufzuzeichnen und zu kopieren von heute und von vor 20 Jahren. Und deswegen wird das Teil kommen. „Weil es geht.“ Vielleicht erst in 100 Jahren, oder in 50 oder schon in 10 – es wird genug Post-Privacy-Spackos geben, die es haben wollen werden und dessen Entwicklung finanzieren werden. Und wenn es dann irgendwann für 50 Euro auf dem Supermarkt-Grabbeltisch liegt und alle Freunde auch eins haben, werden auch die Letzten zugreifen. Ihr habt doch alle ein Handy, stimmts?

Wenn wir also das Zweithirn nicht verhindern können, sollten wir stattdessen die Frage stellen, wie wir damit umgehen. Und darum geht’s bei der Post-Privacy-Debatte.

Dieser Artikel erschien auch als Gastbeitrag bei der Spackeria. Da die Diskussion dort schon begonnen hat, am besten auch dort kommentieren.