Sind wir uns einig darüber, was rassistisch und sexistisch ist?

Der offene Brief der Jungen Piraten ist zwar schon mehr als eine Woche alt, hat mir aber doch seitdem keine richtige Ruhe gelassen. Wer sich nicht erinnert, worum es ging:

Immer wie­der fal­len Mit­glie­der der Par­tei durch ras­sis­ti­sche, sexis­ti­sche, aber auch ander­wei­tig dis­kri­mi­nie­rende Aus­sa­gen oder Ver­hal­tens­wei­sen auf.

Beim Brain­stor­ming zu die­sem Brief wur­den einige Bei­spiele dis­kri­mi­nie­ren­der Aus­sa­gen und Vor­fälle genannt: eine Frau galt als „zu hübsch“, um ernst­ge­nom­men zu wer­den, eine andere „sollte mal rich­tig hart durch­ge­fickt wer­den, viel­leicht ent­spannt sie sich dann ja mal“, ein Mit­glied war der Mei­nung, Frauen gehör­ten nicht auf Stamm­ti­sche, „aus­län­der­kri­tisch“ zu sein galt in einer Twit­ter­dis­kus­sion als voll­kom­men in Ordnung.

[…]

[Es] wird außer­dem impli­ziert, dass Ras­sis­mus beab­sich­tigt sein müsse. Auch diese Argu­men­ta­tion fin­det sich oft. Sobald eine ras­sis­ti­sche (oder auch ander­wei­tig dis­kri­mi­nie­rende) Aus­sage kri­ti­siert wird, wird von ver­schie­de­nen Sei­ten ange­mahnt, nicht vor­schnell zu urtei­len – es weiß doch nie­mand, ob die Per­son „wirk­lich“ Rassist/-in ist. In die­ser Argu­men­ta­tion zeigt sich ein mas­si­ves Unver­ständ­nis gegen­über den Wir­kungs­me­cha­nis­men von Diskriminierung.

[…]

Wir hof­fen, dass die Pira­ten­par­tei sich klar gegen jeg­li­che For­men der Dis­kri­mi­nie­rung bekennt – und dass es dabei nicht bei einem Lip­pen­be­kennt­nis bleibt.

Wo ich total mitgehen kann: persönliche Beleidigungen gehen gar nicht. Wer meint, irgendwer müsse “durchgefickt” werden, ist in diesem Moment ein armer Idiot und muss dass auch schnell und von vielen gesagt kriegen. Das gilt aber auch, wenn jemand einen anderen mit “Du Arschloch” beschimpft – eine Äußerung, die man jedoch schwer als Sexismus oder Rassismus kategorisieren kann.

Und das ist es, wo ich dann nicht sicher bin, ob ich noch mitgehen kann. Wenn sich die Piraten, wie die JuPis fordern, “klar gegen jeg­li­che For­men der Dis­kri­mi­nie­rung” bekennen – und im Zweifelsfall auch nicht nachfragen sollen, wie eine Aussage gemeint war  – sollte ja Einigkeit bestehen, was darunter fällt und was nicht.

Ich würde gern herausfinden, ob diese Einigkeit besteht. Ich hab dazu mal schnell einen Test erstellt: Welche der folgenden Aussagen sind rassistisch oder sexistisch? Tragt Euer persönliches Ergebnis gern als Kommentar ein!

  1. “Männer und Frauen unterscheiden sich biologisch grundlegend.”
  2. “Frauen diskutieren oft am Thema vorbei.”
  3. “Männer dominieren oft in Diskussionen.”
  4. “Frauen fehlt es oft an logischer Konsistenz.”
  5. “Männern fehlt es oft an Empathie.”
  6. “Das mit dem Essen können ja die Frauen machen.”
  7. “Das mit der Technik können ja die Männer machen.”
  8. “Frauen sind Schlampen.”
  9. “Männer sind Schweine.”
  10. “Wer sich illegal in Deutschland aufhält, sollte abgeschoben werden.”
  11. “diese unorganisierte polnische Art… “
  12. “diese pedantische deutsche Art…”
  13. “Wir müssen mit Nazis auch reden.”
  14. “Ich werde mich dafür einsetzen, dass Holocaustleugnung als Straftatbestand aufgehoben wird.”
  15. “Ich bin ausländerkritisch.”
  16. “Ich bin israelkritisch.”
  17. “Ich bin amerikakritisch.”
  18. “Deutschland verrecke.”
  19. “Eine Frau darf nicht gezwungen werden, von Ausländern gepflegt zu werden.”
  20. “Eine Frau darf nicht gezwungen werden, von Männern gepflegt zu werden.”

7 thoughts on “Sind wir uns einig darüber, was rassistisch und sexistisch ist?

  1. ArnoNym

    Kurze Antwort auf die Frage im Titel: Nein, sind wir uns nicht. Auch nicht innerhalb der Jupis.
    N/J/J/J/J/J/J/J/J/N/J/J/N/N/N/N/N/WTF/N/N

    Wobei die zweite wichtige Frage imho ist “und wo ist die linie was wir noch tolerieren und was nicht?” Ist es schon diskriminierend wenn ich ein weibliches Wesen frage ob sie nochmal von ihren selbstgebackenen Keksen mitbringen kann die so lecker waren – weil ich ihr geschlecht damit dem Kekse Backen und damit ganz böse sexistisch der Küche zuordne?

    Reply
  2. Stefan

    Die Frage lässt sich nicht allgemein beantworten. Es ist nicht immer nur die Aussage an sich oder wie etwas gemeint gewesen sein könnte entscheidend, sondern auch, wie die Rezipienten und das zu diesem Zeitpunkt weitere gesellschaftliche Umfeld die Aussage auffassen und von wem es geäußert wird. Kernproblem ist eher, dass die Kommunikationsweise einiger Piraten unsensibel und unreflektiert ist.

    Die einzigen politischen Forderungen sind 10, 19 und 20 und diese sind von ihrem Wesen her faschistisch oder sexistisch, auch wenn sie es formal (Aussagenlogik) nicht sind, weil man übergeordnete Forderungen konstruieren kann, die gerechtfertigt wären und genau diese Forderungen 10, 19 und 20 implizieren (“Geltende Gesetze sollten eingehalten werden.”, “Keiner darf gezwungen werden gepflegt zu werden.”). Also die Frage ist nicht irgendwelche Aussagen alleinstehend in gut und böse zu kategorisieren, sondern auch die hinter ihnen steckende Intention zu ermitteln und zu beurteilen.

    Reply
  3. Jojo

    Wenn ich den Wikipedia Artikel dazu richtig deute (http://de.wikipedia.org/wiki/Sexismus), dann ist die Aussage:

    “Deutsche sind Pedantisch” oder “Frauen können schlecht einparken” nicht rassistisch oder sexistisch sondern – manchmal extrem dumme – Vorurteile, die man in Tests untersuchen und wiederlegen oder bestätigen kann.

    Rassistisch oder sexistisch wäre: “Du bist deutscher, darum bist du pedantisch”, Oder “Du bist eine Frau, deshalb kannst du schlecht einparken”.

    Sprich jemanden aus einer Gruppe auf die “vermeintlichen” durchschnittseigenschaften dieser zu reduzieren.

    Reply
  4. queue

    1: nicht sexistisch
    2: sexistisch
    3: bedingt durch Aussagenkontext. “Eine Diskussion wird oft von einem Mann dominiert” ist nicht sexistisch, die Aussage “Du dominierst die Diskussion eher, weil du ein Mann bist” schon.
    4, 5: sexistisch
    6, 7: sexistisch, kann aber kontextbezogen tolerierbar sein
    8, 9: sexistisch, nicht tolerierbar
    10: nicht rassistisch, da auf keine klare Volksgruppe bezogen (auch ein Kind deutscher Eltern kann eine andere Staatsbürgerschaft haben und illegal in Deutschland sein), aber politisch wenig weitsichtig. Könnte im Kontext anderer Äußerungen einen rassistischen Sinn haben.
    11, 12: kontextbezogen, kann rassistisch sein, aber tolerierbar
    13, 14: nicht rassistisch, aber relativierend
    15: sehr rassistisch
    16, 17: rassistisch, wenn die Nation nur vorgeschoben wird, um das damit verbundene Volk abzuwerten
    18: eher nicht rassistisch, da deutlich gegen die Nation als Institution gerichtet, nicht gegen eine Volksgruppe (wird ja meist auch von Deutschen verwendet)
    19: rassistisch
    20: nicht sexistisch (Schamgefühl)

    Reply
  5. Georg

    @ArnoNym:

    OK, nur wenn wir uns nicht einig sind, was Sexismus und Rassismus sind, dann können wir uns ja schwer gemeinsam “gegen jeg­li­che For­men” davon bekennen.

    @queue:

    Warum unterscheidest du offenbar zwischen 2 und 3? Wenn “Eine Diskussion wird oft von einem Mann dominiert” nicht sexistisch sein soll, was ist dann mit “Eine Frau diskutiert oft am Thema vorbei”?

    Zu 18: Ist dann “Deutschland verrecke” von einem nicht-deutschen Sprecher rassistisch?

    Zu 19,20: Das wirft eine interessante Frage auf: Offenbar gibt es Gefühle wie das Schamgefühl, die als legitim gelten, um Menschen zu unterscheiden. Aber warum sollte das Schamgefühl nicht auch nur etwas sozial konstruiertes sein? Klar, es kann tief anerzogen sein, nur das ist ja Xenophobie auch oft. Und wir sind ja fest überzeugt davon, dass Xenophobie überwunden werden kann – und muss.

    @alle:

    Ich lese aus Eurer Kommentare heraus, dass man eigentlich immer den Kontext einer Äußerung kennen muss, um sie bewerten zu können. Demnach reicht also nicht ein Twitter-Screenshot, um sie und die Intention des Sprechers beurteilen. Ich verstehe Euch also so, dass anders als die JuPis schreiben, soll man eben nicht “vor­schnell urtei­len” und man kann eben oft nicht sofort wissen, ob die Per­son „wirk­lich“ Rassist/-in ist.

    Reply
  6. Felix Coeln

    Ach Georg, auch wenn ich nur selten auf Deinen Blog komme (obwohl ich ihn abonniert habe), so ist es doch immer wieder ein echtes Vergnügen, Deine Statements zu lesen.

    Ich finde sie enthalten so viel Tiefe und dabei auch so viel Respekt. Deine Ausführungen beschäftigen sich mit Fragen ähnlich derer, die mich tief bewegen.

    zunächst habe ich Deine Aussage 4 Kategorien zugeordnet:

    und habe sie zunächst ehrlich nach innerem Empfinden beantwortet – nämlich ob ich die Aussage für wahr halte

    Ja | Nein | evtl. | weiß nicht

    1 | 8 | 2 | 4
    3 | 9 | 6 | 14
    5 | 10 | 7 |
    13 | 15 | 11 |
    16 | 18 | 12 |
    17 | | 19 |
    | 20 |

    Interessant ist dabei, dass NACH dem Lesen der übrigen Kommentare und Deiner Antwort darauf, Formulierungen heruas fielen, die bei der zweiten Einschätzung nicht mehr so eindeutig von mir einsortiert werden konnten. Ich hab aber den ersten spontanen Eindruck dokumentiert belassen.

    Dann habe ich überlegt, welche von den Aussagen enthalten in sich Problematisches, weil sie uneindeutig sind, verschiedene Ebenen abbilden, mißverständlich oder kulturell eingefärbt sind:

    mein erster Versuch scheiterte, weil ich ALLE Sätze aussortiert habe

    Am Schluss habe ich mich der Frage zugewendet, welche dieser Aussagen beinhalten Konfliktpotenzial je nachdem, welchen Überzeugungen man sich zugehörig fühlt.

    1. eine sachliche Aussage – wenn aber Handlungsanweisungen daraus abgeleitet werden, kann es problematisch werden
    2. – 5. enthält die Verallgemeinerung “oft” – dadurch wird ein Klischee als Wertmaßstab zu Grunde gelegt, der individuelle Mensch aber übersehen – die einzlenen Aussagen an sich, sind auf die Person bezogen durchaus zutreffend, haben aber mit dem Geschlecht nichts zu tun – und ich kenne keine statistischen Aussagen darüber, ob es bei dem einen oder anderen Geschlecht häufiger oder seltener vorkommt (und was ist mit Menschen, die sich dem heterosexuellen Geschlechterprinzip nicht unterwerfen wollen/können?)
    6. + 7. Warum nicht? Gleichzeitig darf der Umkehrschluss nicht implizit untergejubelt werden, dass Männer das nicht tun können/sollen. Es gibt aber Kulturen, in denen wäre es ein Übergriff in den eigenen “Hoheitsbereich”, wenn das jeweils andere Geschlecht, sich darin einmischte. (z.B. bei matriachalischen Völkern)
    8. + 9. sicher, bei einigen ist das so – jedoch so formuliert, heisst es soviel, als wäre das immer so – außerdem unterschlägt es, dass durchaus Mitgleider des jeweils anderen Geschlechtes ebenfalls diese Eigenschaft aufweisen können – wenn es nicht mit Menschen meines Vertrauens ist, mit denen sexueller Austausch potentiell möglich wäre, sage ich solche Sätze nicht – in Beziehungen mit potentiellem sexuellen Austausch kann ein solcher zotiger Satz – also mit einem zwinkernden Auge – gegenseitig Akzeptanz aufweisen
    10. “Kein Mensch ist illegal – nirgendwo!” Auch wenn es Gesetzesnormen gibt, die das vorsehen, sind solche Normen in meinen Augen unzulässig. Die Forderung nach Ausweisung würde ich dennoch nicht als rassistisch ansehen, sondern vielleicht als reaktionär oder als angstmotiviert. (an dieser Äußerung läßt sich wiederum leicht erkennen, was ich persönlich als rechtmäßig ansehe, oder was juristisch relevant ist)

    11. + 12. s. oben Generalisierungen oder Aussage in persönlichem Kontext
    13. + 14. wenn Meinungsfreiheit gilt und auch Menschenrechte, dann darf niemand davon ausgeschlossen werden, weder Menschen, die durch Nazis verfolgt werden, noch jene, die das tun – ein ganz weites Feld, weil es direkt die Frage nach dem Umgang mit Kriminellen betrifft – aber wir sind auch mittendrin in einer rechtsphilosophischen Fragestellung – diese weiterhin zu diskutieren, scheint mir enorm wichtig – aber vielleicht gelingt es ja auch, weniger hasserfüllt die damit verbundenen Nebenschauplätze abzuklopfen
    15. gilt für mich nicht und ist so pauschalisiert, dass dieser Satz von niemandem ernste gemeint sein kann – jedoch Xenophobie ist ein uraltes Phänomen und die Frage muss lauten, wie kann diese Angst vor Fremden im Prozess reduziert werden – nicht, wie kann man einen Menschen verunglimpfen, der davon betroffen ist
    16. + 17. ist eigentlich sinngemäß anwendbar – ich persönlich kritisiere jedoch die jeweiligen Regierungen, was in meinen Augen zulässig ist
    18. Dieser Satz ist ja völliger Blödsinn. Eine Nation ist kein Lebewesen und kann deshalb nicht verenden. “Verrecken” ist darüber hinaus ebenfalls hasserfüllt und kann allein schon deshalb kaum funktionieren.
    19. + 20. Stimmt. Aber ein Mann auch nicht. Kein Mensch sollte zu irgendetwas gezwungen werden, denn die Würde des Menschen ist unantastbar. Im Falle von Krankheit oder Gebrechen sollten Menschen möglichst von Angehörigen, zumindest aber Vertrauten gepflegt werden, mit einem gehörig Maß an Sensibilität möcglichst auch auf ihre Wünsche eingegangen werden. That’s it. Alles andere ist irelevant, ob es ein Mann ist, oder ein Ausländer spielt keine Rolle. Wenn es sich aber um eine Frau handelt, die im arabischen Raum sozialisiert ist, liegt es nache, sie von einer Frau pflegen zu lassen, weil sie sonst evtl traumatisiert werrden könnte.

    Man erkennt, ich habe nur selten die von Dir gestellte Frage tangiert, welcher dieser Sätze rassistisch oder sexistisch sei, da dies bedeutete, dass ich mich in den Bereich der Spekulation über andere Wertekonzepte begebe und diese Muster/Weltbilder bewerte, womit ich mich nach meiner Überzeugung erst in den Rassismus hinein begeben habe:

    es ist die westliche Hybris anzunehmen, dass wir darüber urteilen könnten, welche Überzeugungen zulässig seien und welche gefährlich.

    Diese zugeordnete “Gefährlichkeit” ist es aber, die uns emotional kippen lässt und zu dem macht, was dann als Hater bezeichnet wird.

    Übrigens:
    ich bin weder Rassist noch Sexist und ich erlaube auch niemandem, sich ein Urteil darüber heraus zu nehmen. Ich bin spanischer Arbeitsimmigrant der 2. Generation, schwul und hochbegabt. 3 Eigenschaften, die zufällig sind, die aber alle in meinem Leben zur Diskriminierung ausgenutzt wurden. Deshalb ist mir Integration und Inklusion ein dringliches Anliegen.

    Und trotzdem kann auch ich mich nicht davon freisprechen, dass es bestimmte Momente gibt, in denen auch ich Töne anschlage, die mißverständlich sein können (wobei oft der Faktor eine Rolle spielt: “It’s not the saying part, it’s the listening part.”), denn alles was ein Mensch sagt unterliegt beim Rezipienten einer Interpretation und je nach Wohlwollen fällt das Urteil akzeptierend oder ablehnend ab. Aber sind wir nicht genau dort bereits im Fahrwasser von Ausgrenzung? Also möglicherweise auch im Bereich von Rassismus und Sexismus?

    Reply
  7. Pingback: Woran erkennt man, dass keine Diskriminierung vorliegt? | Georg Jähnig

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