Re: 3 (Piraten-)Missverständnisse zur Frauenquote

Im Piraten-LiquidFeedback wird gerade wieder die Frauenquote in der Wirtschaft diskutiert und ein in dem Kontext häufig verlinkter Artikel ist 3 (Piraten-)Missverständnisse zur Frauenquote. Er geht auf 3 Argumente ein, die in Piraten-Quoten-Diskussionen häufig vorkommen und zu diesem Artikel hab ich jetzt mal eine Replik geschrieben.

1) “Die Frauenquote ist abzulehnen, weil Jobs, Posten und Ämter nach Qualifikation und nicht nach Geschlecht vergeben werden sollten.”

Erstens: Die sogenannte „absolute Quote“, bei der auch weniger qualifizierte Frauen eingestellt werden müssten, steht politisch derzeit nicht zur Debatte. Stattdessen wird über die „relative Quote“ diskutiert. Bei dieser werden Frauen bei gleicher Qualifikation so lange bevorzugt eingestellt, bis die Quote (z.B. 30%) erfüllt ist. Ist die Bewerberin weniger qualifiziert als der Bewerber, kommt die Quotenregel also ohnehin nicht zur Anwendung.

Schaut man sich die Gesetzesentwürfe der Grünen und der SPD für Aufsichtsräte an, wie sie bei der ersten Lesung am 2.12.2011 im Bundestag debattiert wurden, unterschieden diese nicht zwischen einer “absoluten” und “relativen” Quote, sie nennen auch nicht “gleiche Qualifikation” als Bedingung für die Anwendung der Quote. Vielmehr nennen sie feste Prozentzahlen, die die Unternehmen ab einem bestimmten Zeitpunkt zu erfüllen haben.

Die besprochenen Gesetzesentwürfe entsprechen also einer “absoluten” Quote, die nicht die Qualifikation extra betrachtet.

Zudem wäre es – selbst wenn die Quote eine “gleiche Qualifikation” voraussetzen würde – fraglich, wie diese gemessen werden soll:

Eine Untersuchung in Norwegen, das Anfang 2008 eine Frauenquote für Aufsichtsräte von großzügigen 40 Prozent (in Deutschland werden meist 30 Prozent für Vorstände vorgeschlagen) einführte, zeigte, dass die erst durch die Quote (!) zwangsweise (!) aufgenommenen Frauen durchschnittlich höhere (!) Qualifikationen besaßen als ihre männlichen Kollegen (die Qualifikation wurde anhand der Bildung gemessen).

Da die verlinkte Untersuchung oben auf Norwegisch ist, habe ich in diese englischsprachige Zusammenfassung (PDF) geschaut:

Female board members are generally younger than the men, and their educational level is somewhat higher. […] while 36 per cent of female board members had a university education lasting six years or more, this was true of only 22 per cent of male board members.

Die Qualifikation wurde also mit dem Ausbildungsniveau gemessen, also ob und wie lange das Vorstandsmitglied eine Universität besucht hat. Ich finde es zweifelhaft, für einen so komplexe Tätigkeit wie die Vorstandsarbeit in einem DAX-Konzern das Diplomzeugnis aus dem Studium heranzuziehen, um die Qualifikation zu beurteilen – gerade wenn der Studienabschluss mehr als 10 Jahre zurück liegt.

Um mal einen zu Piratenkreisen passenden Vergleich anzubringen: Man würde bei Einstellung von Software-Entwicklern eher nicht Bachelor-Note als entscheidendes Kriterium nehmen, und das umso weniger, je länger sie zurück liegt. Es wäre an sich auch eher schwer, überhaupt von messbarer “gleicher Qualifikation” sprechen zu können. Weitere Argumente in diese Richtung bringt der Artikel Gibt es „gleiche Qualifikation“?.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich behaupte nicht, dass heute ohne Quote allein nach Qualifikation eingestellt wird. Ich sehe nur keinen Beleg für die Annahme, dass mit Quote mehr nach Qualifikation eingestellt wird.

2 “Gegen die Frauenquote zu sein, entspricht dem geschlechter- und familienpolitischen Programm der Piratenpartei”

Die Diskussion wie die Umsetzung einer Quote erfordern die Kategorisierung von Menschen in binäre Geschlechterschubladen und stärken damit Geschlecht als Einordnungsmechanismus. Wer mit Alltagsvokabular über die Frauenquote diskutiert (wie ich es hier tue, shame on me) oder an der Umsetzung einer Quote beteiligt ist, übt die Einordnung von Menschen aktiv ein und betrachtet sie wesentlich als Repräsentant_innen ihres vorgeblichen Geschlechts. Eine Frauenquote beseitigt also keine Schubladen, sondern stärkt sie eher – allerdings werden die Schubladen mit ihr bunter und größer und damit weniger unangenehm für diejenigen, die hineingesteckt werden.

Ich finde auch, dass Quoten Geschlechterschubladen eher verstärken – ein deutliches Argument gegen die Quote also. Aber werden diese Schuladen dann tatsächlich “bunter und größer”?

Interessant ist hier z.B. dieser Einleitungstext der von Bundes-Bildungsministerium herausgegebenen Broschüre Frauenkarrieren in Unternehmen (PDF):

Die berühmte Gehirnforscherin Louann Brizendine hat in ihren Untersuchungen festgestellt, dass die Gehirne der beiden Geschlechter auch unterschiedlich arbeiten. Während Frauen sich auf mehrere Aspekte konzentrieren, arbeiten Männergehirne fokussierter. Nach Brizendine braucht ein Unternehmen beide Denkweisen, um erfolgreich zu sein.

Hier wird also ganz grundlegend biologistisch argumentiert und man müsste doch eigentlich “sexistische Kackscheiße” dazwischenrufen. Noch krasser ist es im Transkript dieses TV-Beitrags nachzulesen, in dem es um die Frauenquote auf Wahllisten in Polen geht: Jedes Statement bedient hier ein sexistisches Klischee.

Ich halte es durchaus für möglich, dass gerade eine durch Gesetz institutionalisierte Geschlechtertrennung dazu führt, dass Frauen und Männer stärker auf Ihre Rollenbilder festgelegt werden: “Ihr seid jetzt hier die Frauen im Vorstand, macht das doch mal mit der Sozialkompetenz und Firmenkultur, das können ja eure Gehirne besser.”

Sicher, das ist Spekulation. Aber eben genau wie die Annahme, eine Quote führe zur Dekonstruktion von Rollenbildern.

Wichtig ist auch folgender Satz unseres Parteiprogramms: „Gesellschaftsstrukturen, die sich aus Geschlechterrollenbildern ergeben, werden dem Individuum nicht gerecht und müssen überwunden werden.“ Als politische Partei haben wir uns damit einen konkreten Handlungsauftrag gegeben. So lange Geschlechterrollenbilder derart wirkmächtig sind, ist es nicht damit getan, sie schlicht zu ignorieren.

Quoten abzulehnen heißt nicht, Diskriminierungen zu ignorieren, sondern sie nur mit anderen Mitteln zu bekämpfen. Ich finde es reichlich unfair, Quotengegnern pauschal zu unterstellen, sie wollen sonst nichts tun.

Man könnte stattdessen auch sagen, es ist gerade die Quote, die Diskriminierungen ignoriert. Sie tut so, als genüge es, für ein ausgeglichenes Verhältnis zu sorgen, und schon verschwinden die Einschränkungen automatisch.

Und es stimmt, dass wir uns im Programm einen Handlungsauftrag gegeben haben. Es heißt aber nicht, dass damit alle Mittel zulässig sind. Um es mal polemisch auszudrücken: Ich würde es nicht vom Parteiprogramm gedeckt halten, Sexisten öffentlich auszupeitschen – selbst wenn es nachweislich dazu beitragen würde, sexistische Diskriminierung zu bekämpfen .

Ein Mittel darf eben nicht seinem Ziel oder anderen Grundsätzen widersprechen. Wenn das Ziel ist, dass das Geschlecht bei der Einstellung keine Rolle spielen soll, dann kann man nicht ein Mittel anwenden, dass das Geschlecht bei der Einstellung eine Rolle spielen lässt.

Wichtig ist auch folgender Satz unseres Parteiprogramms:

Fremdbestimmte Zuordnungen zu einem Geschlecht oder zu Geschlechterrollen lehnen wir ab.

In den Gesetzentwürfen von SPD und Grünen wird nach Geschlecht unterschieden. Es wird nicht davon gesprochen, dass man sich selbst als Mann oder Frau einordnen kann. Menschen werden also fremdbestimmt zu einem Geschlecht zugeordnet. Die im Bundestag diskutierten Quotengesetze widersprechen also dem Piraten-Parteiprogramm.

(Hinweis: Die derzeit im LF vorgeschlagene Quoten-Ini nimmt das selbstbestimmte Geschlecht als Grundlage und ist damit an dieser Stelle piratenkompatibel. Hier würde mich allerdings sehr interessieren, was die anderen Quotenbefürworter von SPD und Grünen davon halten.)

3 “Die Frauenquote diskriminiert Männer”

In einer prägnanten juristischen Stellungnahme heißt es: „Eine gesetzliche Frauenquote (…) ist verfassungsrechtlich zulässig, wenn sie vorsieht, dass weibliche Bewerber bei gleicher Qualifikation gegenüber männlichen Bewerbern so lange Vorrang genießen, bis das verfassungsrechtliche (Art. 3 Abs. 2 Satz 1 und 2 GG) und unionsrechtliche (Art. 23 Abs. 1 Charta der Grundrechte der Europäischen Union – GRC) Ziel der Gleichberechtigung von Männern und Frauen errreicht ist (relative Frauenquote).“

Auch hier wird wieder zwischen relativer und absoluter Quote unterschieden, was die im Bundestag disktutierten Gesetzentwürfe aber nicht tun. Unklar bleibt auch, wann das “Ziel der Gleichberechtigung” erreicht ist. Wenn Gleichverteilung erreicht wurde? Ich glaube, das ist eines der zentralen Missverständnisse in der Debatte, dazu unten mehr.

Pro-Argumentierende könnten hingegen einwenden, dass es insgesamt so wenig Diskriminierung wie möglich geben solle. Es sei daher gerechtfertigt, über ein oder zwei Generationen hinweg in einigen Fällen zu diskriminieren, wenn so für die gesamte Zukunft (oder jedenfalls eine lange Episode der menschlichen Geschichte) Gerechtigkeit und damit Diskriminierungsfreiheit für beide Geschlechter erreicht werden könnte.

Das Interessante an dieser Stelle ist, dass hier ein Zeitlimit genannt wird – “ein oder zwei Generationen”. Dieses Zeitlimit fehlt in den diskutierten Gesetzentwürfen, es wird auch keine “Abbruchbedingung” genannt. Schaut man sich viele schon bestehende Quotenregelungen an, wie z.B. für Parteiämter und Mandate bei den Grünen und der SPD, dann bestehen diese schon seit mehr als 20 Jahren, ohne dass es inzwischen öffentliche Überlegungen gäbe, diese wieder abzuschaffen. Im Gegenteil: Die Quote in der SPD, 1988 mit einem Zeitlimit von 25 Jahren eingeführt, wurde 2003 auf unbegrenzte Zeit verlängert.

Ob also eine Quotenregelung tatsächlich nur ein oder zwei Generationen bestehen würde, ist nicht gesagt und die bisher allgemein bekannten Beispiele sprechen eher dagegen.

Gleiche Möglichkeiten, nicht gleiche Entscheidungen

Ich glaube, das zentrale Problem an der Debatte um die Quote ist, was denn eigentlich ihr Ziel sein soll und, vor allem, wie man sein Erreichen messen könnte. Und erst, wenn man sich beim Ziel einig ist, macht es Sinn, nach passenden Mitteln zu suchen.

Die LF-Initiativen formulieren Chancengleichheit als Ziel. Kann man Chancengleichheit mit Gleichheit messen? Die gesetzliche Quote tut genau das: Erst wenn (nahezu) soviele Frauen wie Männer in Vorständen sitzen, könne Diskriminierung ausgeschlossen werden. Das impliziert aber, dass Frauen (im Durchschnitt) die gleichen Lebens- und Karrierepläne haben wie Männer. Kann man das zweifelsfrei annehmen?

Schaut man sich die Ausbildungs- und Studienplatzwahl an, so findet man schon dort große Unterschiede. An der Stelle höre ich dann oft, dass auch das bereits ein Ergebnis des Sexismus in der Gesellschaft sei, und dass man an der Überwindung dieser Unterschiede arbeiten muss; dass also Frauen und Männer im Schnitt die gleichen Lebens- und Karrierepläne haben sollten.

Und hier frage ich mich dann, ob ich noch mit einem Mitglied einer liberalen Partei spreche.

Wenn wir eine Partei für die individuelle Freiheit sein wollen, dann sollten wir das Individuum ernst nehmen. Wir sollten davon ausgehen, dass die Menschen schon ganz gut wissen, was sie wollen. Und das sollten wir erstmal respektieren.

Daher sollte das Ziel sein, allen Menschen die gleichen Möglichkeiten zu geben – aber eben nicht, alle Menschen zu den gleichen Entscheidungen zu bringen.

Genau das aber tut die Quote: Sie wäre mit ihrer erzwungenen Gleichverteilung zwischen Männern und Frauen nur dann gerecht, wenn Männer und Frauen die gleichen Entscheidungen treffen würden.

3 thoughts on “Re: 3 (Piraten-)Missverständnisse zur Frauenquote

  1. germanpsycho

    Ich glaube, daß Sie mit dem Satz “Kann man Chancengleichheit mit Gleichheit messen?” das zentrale Dilemma und das zentrale Mißverständnis in der Kommunikation zwischen liberalen Menschen und Ideologen aufzeigen.

    Während Leute wie Sie und ich das Ziel verfolgen, daß die Menschen unabhängig von Geschlecht, Nationalität, sexueller Ausrichtung etc. dieselben Möglichkeiten erhalten (und aber kein Problem darin sehen, wie der Einzelne mit seinen Chancen umgeht), wollen die Ideologen weiterhin dafûr sorgen, daß die Menschen unabhängig von ihren Wünschen, Zielen und Leistungen gleich SIND.

    Wenn wir also das Wort “Gleichheit” benuzten, meinen wir damit etwas fundamental anderes als diejenigen, die im kursiv geschriebenen Teil Ihres Beitrages zitiert werden. Diese lehnen die Entscheidung des Einzelnen ab und wollen, daß die vermeintlich klügeren Politiker für die dumme Masse des Volkes entscheiden.

    Und mit jenen ist ein Diskutieren immer schwierig, weil sie eine abweichende Meinung meist als “dumm oder bösartig” ansehen, niemals als andere Möglichkeit, ein Ziel zu errrrichen – auch das beschreiben Sie ja im Beispiel Auspeitschen.

    Reply
  2. Konstantin

    Dass die Qualifikation mit dem Ausbildungsniveau gemessen wird, ist aus einem ganz anderen Grund problematisch.

    In der englischsprachigen Zusammenfassung der FES heißt es:

    “[…] while 36 per cent of female board members had a university education lasting six years or more, this was true of only 22 per cent of
    male board members.”

    Hiermit soll gezeigt werden, dass die Quotenfrauen qualifizierter seien. Eigentlich müsste man in den Datensatz oder jedenfalls in die eigentliche Untersuchung. In dieser Kurzform ist der zitierte Satz jedoch kein Beleg für eine höhere Qualifikation der weiblichen Vorstandsmitglieder. Im Gegenteil: Der positive Zusammenhang zwischen der Dauer der Hochschulausbildung und der Qualifikation (und der hiermit häufig verbundenen Höhe des Einstiegsgehalts) funktioniert lediglich im Vergleich zwischen verschiedenen Disziplinen/Ausbildungen/Abschlüssen. Eine dreijährige Ausbildung führt grds. zu einer geringeren Qualifikation als ein sechsjähriges Staatsexamensstudium. Diese Annahme ist wohl zulässig.

    Innerhalb einer Disziplin mit denselben Abschlüssen gilt indes das Gegenteil. Hier kann sich besonders qualifiziert nennen, wer die Ausbildung/das Studium besonders schnell absolviert. Das zeigen regelmäßig auch die Einstiegsgehälter.

    Eine Universitätsausbildung von 6 oder mehr Jahren kann eben auch für Bummelei sprechen. Es kommt schlicht darauf an, was man in der Zeit (alles) studiert. Ich nehme an, dass die untersuchten Vorstandsmitglieder alle recht ähnliche Disziplinen und Abschlüsse haben. Das lässt auch der Folgesatz in der – im übrigen recht tendenziösen – FES-Publikation vermuten:

    “When it comes to areas of study there are only minor dif-
    ferences between male and female board members.”

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