“Gleiche Bedingungen für jedes Kind!”

Oder: Wenn alle Kinder ins Heim müssen

Ich hab mich neulich mit jemandem aus Absurdistan unterhalten. Es ging um die merkwürdige Praxis dort, dass sie die Kinder gleich nach der Geburt von ihren Eltern wegnehmen und in staatlichen Heimen aufwachsen lassen. Dort können die Kinder zwar von den Eltern besucht werden, aber schlafen, essen, spielen usw. müssen sie alles im Heim machen, unter Aufsicht von gut ausgebildetem Personal.

Das gilt auch pauschal für alle Kinder, Ausnahmen sind nur möglich, wenn die Eltern ein privates Heim finden, das aber in der Qualität der Spielzeuge, der Ernährung und des Personals nicht zurückstehen darf. Dann kann das Kind auch in das private Heim gehen. Zu Hause leben ist aber tabu.

Ich fand das eine ziemlich harsche Regelung und fragte, warum man das so macht. “Ganz klar, es geht um Chancengleichheit!” antwortete mir mein Gegenüber. “Jedes Kind soll unabhängig von seinem Elternhaus die gleichen Bedingungen haben beim Aufwachsen. In den Heimen bieten wir jedem Kind eine gute Ernährung und pädagogisch-wertvolle Spielzeuge unter professioneller Aufsicht, so dass kein Kind zurückbleibt.”

“Ja gut”, entgegnete ich, “aber was ist, wenn es einem Kind im Heim nicht gefällt?”

“Für solche Kinder haben wir besondere Heime, in denen wir auf ihre besonderen Bedürfnisse eingehen. Sie kriegen andere Spielzeuge und dürfen auch öfter ihre Eltern sehen. Zudem werden sie therapeutisch begleitet, damit sie irgendwann wieder in den normalen Heimen leben können.

Und überhaupt: Nachmittags können die Kids ja auch rausgehen, bei Geburtstagen oder anderen Familienfesten kriegen sie auch schon mal den ganzen Tag frei. Und es gibt Heimurlaub ein paar Mal im Jahr, dann können sie mit ihren Eltern auch mal wegfahren.”

Ich fand das nicht befriedigend. “Warum könnten denn nicht einfach die Kinder in den Heimen leben, denen es dort gefällt; und die anderen leben bei ihren Eltern, wenn es ihnen da besser gefällt?”, fragte ich vorsichtig.

“Woher sollen denn Kinder bitteschön wissen, wo sie leben wollen?”, antwortete mir mein Gesprächspartner empört. “Das können sie doch gar nicht frei entscheiden, ja nicht mal ausdrücken als Babies! Ich dagegen verstehe eher nicht, wie ihr in Deutschland einfach Neugeborene an ihre Eltern aushändigen könnt. Woher wisst ihr denn, ob die sich mit frühkindlicher Entwicklung auskennen? Oder mit gesunder Ernährung? Sind nicht viele Kinder bei Euch übergewichtig? Und wie schützt ihr sie vor Isolation und Indoktrination bei religiös-fanatischen Eltern? Die die Kinder dann einfach nicht aus dem Haus lassen. Oder vor Vernachlässigung? Sind davon nicht sogar schon Kleinkinder qualvoll verhungert?!”

Darauf fiel erstmal nichts ein. Mir kam zwar irgendwas in den Sinn mit Freiheit, die man nur mit guten Gründen und nicht pauschal einschränken sollte; und dass es mit Freiheit nie absolute Sicherheit geben kann, aber die konkreten Einwände waren einfach zu plastisch. Und was sollte ich schon gegen den Schutz von Kindern sagen?

“Mit unserem Heimen bieten wir allen Kinder Plattformneutralität” rundete meine Gegenpart ab. “Klar, es gefällt vielleicht nicht jedem, aber dafür geht es allein gleich. Nur mit den Heimen können wir gleiche Bedingungen für jedes Kind herstellen, unabhängig davon, ob es reiche, arme, bildungsnahe, bildungsferne, religiöse oder aufgeklärte Eltern hat. Und gerade die neuesten Erkenntnisse zu frühkindlicher Entwicklung bestätigen uns, wie wichtig bereits die Einflüsse im Kleinkindalter sind.”

Zur diesem fiktiven Gespräch wurde ich inspiriert durch viele, ganz reale Diskussionen zum Thema Schufpflicht, Bildungspflicht und Bildungsrecht in den letzten Jahren; und erst neulich wieder bei den Berliner Piraten, die am vorletzten Sonntag die Ersetzung der Schulpflicht durch eine Bildungspflicht beschlossen haben.

2 thoughts on ““Gleiche Bedingungen für jedes Kind!”

  1. Enno Schultz

    Hey Georg,

    danke für diesen Beitrag zum Thema Schulpflicht! Ich finde es furchtbar, dass Kinder in Brandenburg mit 5 Jahren in die Schule müssen – unabhängig vom Entwicklungsstand. Es ist doch erstaunlich, dass kleine Kinder per se wissbegierig sind und an allem neuen, was sie lernen Freude haben. In der Schulzeit wird daraus dann “Kein Bock auf lernen”.

    Ich bringe mal zwei Zitate aus einem recht interessanten Interview mit Helge Löbler namens “Kinder sind die besten Entrepreneure” aus der Zeitschrift t3n Ausgabe 28.

    Arthur Fischer sagte: “Kinder stecken voller Ideen. Aber nach ein paar Schuljahren ist es vorbei damit, weil man sie in ein Korsett presst, das ihnen nicht liegt.”

    Goethe hat es so formuliert: “Wüchsen die Kinder in der Art fort, wie sie sich andeuten, so hätten wir lauter Genies”

    Und wie heißt es so schön zu frühkindlicher Erziehung: Damit ein Kind später gut in Mathe ist sollte es möglichst viel auf Bäume klettern. Denn abstrakte Zusammenhänge lassen sich nur verstehen, wenn man zuerst einmal sich selbst und seine Umwelt beGREIFT.

    Das größte Problem, was dieses Lehrsystem hat ist, dass so unglaublich viel Stoff prophylaktisch gelernt werden muss, ohne jegliche intrinsische Motivation. Kein Wunder, wenn der eine oder andere nach der Schule in ein großes Loch fällt, weil niemand mehr da ist, der ihm sagt, was er tun soll.

    EIGENTLICH müsste man die Kinder sich mit dem beschäftigen lassen, wofür sie sich VON SICH AUS interessieren!

    Es gibt viel zu verbessern denke ich!
    Motivierte Grüße

    Reply
  2. Takomitom

    Die Piraten sollten sich an die Vorschläge von Prof. Gerald Hüther halten das ist eine Umdenke gegenüber dem noch zerstörerischen heutigen Denken.

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