Safe-Spaces – dynamisch vs. universell

Der interessanteste und schönste Artikel, den ich rund um die Umgangsformen und deren Kritik beim 29C3 gelesen haben, war der von Sam Becker. Sam ist Autistin und machte sich schon vor dem Congress Sorgen:

Schon ein paar Tage vor dem Congress zeichnete es sich ab, dass ich doch ganz große Angst hatte mich nicht gut mitteilen zu können und meine sehr niedrigen Grenzen nicht deutlich genug machen zu können. Daher musste ich mich mit meinem Freund darüber unterhalten.

Ich erklärte ihm, ich hätte große Angst, dass mir jemand bei den Unterhaltungen die Hand geben würde, oder aber mein komisches Verhalten falsch verstehen könnte.

Da ich in Stress-Situationen leider manchmal völlig überfordert reagiere, musste eine Lösung her bei der ich nicht gezwungenermaßen kommunizieren musste und trotzdem wild fremde Menschen mein Anliegen verstanden. Und dies möglichst ohne das mein Partner ständig mich erklären muss.

Daraufhin hat ihr Freund ein T-Shirt für sie entworfen:tshirt-dont-touch

Ganz unten steht:

Show me, talk to me, bear with me,
but please:
DON’T TOUCH!!!!

Die Erfahrungen, die sie dann damit gemacht hat, waren offenbar durchweg positiv und es lohnt sich, sie zu lesen.

Ich fand die Idee unheimlich interessant und hatte sie kommentiert mit

Sehr coole Idee: Transparente Kommunikation der eigenen Bedürfnisse. Könnten man ja in Zukunft vllt. auch digital bereitstellen und dann per Bluetooth in die Google-Brille des Anderen automatisch übertragen.

Das Interessante ist, dass das Shirt einem grundlegend anderen Ansatz folgt bei der Frage, wie man verhindert, dass Menschen Handlungen begehen, die andere stören. Gewöhnlich nehme ich da nämlich dieses Prinzip wahr:

Handlung X stört manche Menschen, außerdem ist X sexistisch / rassistisch / homphob / ableistisch / transphob, daher sollten alle aufhören, X zu tun, auch untereinander.

In Debatten mit Menschen mit dieser Prämisse geht es dann darum, möglichst alle X zu identifizieren. So kann man dann eine möglichst umfassende Menge an Handlungen gewinnen, die man dann für unerwünscht erklärt.

Die Logik dahinter ist auf den ersten Blick auch bestechend einfach: Wenn niemand mehr etwas tut, was jemand anderen stören könnte, fühlt sich niemand mehr gestört.

Das Problem ist nur: Man kann sich ja auch davon gestört fühlen, wenn andere etwas nicht tun. Während Sam eben Berührungen nicht möchte, habe ich schon oft Südeuropäer und Südamerikaner getroffen, denen der Umgang in Deutschland zu “kalt” sein, weil eben auch Berührungen fehlen.

Ebenso kann man sich auch davon gestört fühlen, etwas nicht tun zu können. So kann es z.B. störend sein, wenn man sich in einem bestimmten Raum mit seinem Partner nicht küssen darf (weil das wiederum jemand anderes stören würde).

Ein Raum also, in dem sich alle wohlfühlen, der niemanden diskriminiert (sozusagen der universale Safe-Space) ist somit vielleicht gar nicht erreichbar.

Aber den muss es ja womöglich auch gar nicht geben. Es reicht ja zu wissen, wo meine Safe-Spaces sind bzw. wie ich sie mir produziere: Denn Spaces können ja auch sehr dynamisch sein. Ein Raum, in dem bestimmte Handlungen / Äußerungen erwünscht sind und andere nicht, kann ja auch einfach durch die Wünsche und deren Kommunikation der Anwesenden definiert werden und spontan entstehen.

Wir kennen das vielleicht, wenn jemand anfängt, von etwas Ekligem zu erzählen und wir darum bitten, damit aufzuhören, weil wir gerade gegessen haben. Fortan ist dann “von Ekligem erzählen” eine unerwünschte Handlung. Aber auch nur solange, wie wir da sind. Und wir kämen nicht auf die Idee, “von Ekligem erzählen” grundsätzlich für unerwünscht zu erklären.

Und Sams T-Shirt zeigt eindrucksvoll, dass das auch beim Handgeben funktionieren kann – einer verbreiteten Handlung unter Unbekannten, die so akzeptiert ist, dass sie vermutlich nicht mal Awareness-geschulte Menschen problematisch sehen würden.

Das Shirt folgt auch dem viel einfacheren und einleuchtenderen Prinzip:

Mich stört X, deshalb tut bitte X nicht mit mir / in meiner Gegenwart.

Und es kommuniziert dieses X effektiv.

Ich glaube, genau diese Kommunikation wird die Herausforderung in der Zukunft sein. Denn bislang können wir ja häufig noch gut erraten, welche X andere stören – weil wir uns häufig in ähnlichen Gruppen bewegen bzw. mit Menschen aus den gleichen Kulturen zu tun haben. Das aber nimmt ab und wird noch mehr abnehmen (Stichwort Globalisierung), häufiger werden wir unterschiedlichen Menschen zu tun haben, also auch mehr kommunizieren müssen. Und vielleicht wird das irgendwann so komplex, dass uns wirklich die Google-Brille unterstützen muss.

4 thoughts on “Safe-Spaces – dynamisch vs. universell

  1. Stefan

    Das funktioniert aber spätestens dann nicht mehr, wenn es darum geht, wie sich Leute gegenüber einer (evt. anonymen) Masse an Menschen verhalten sollten. Daher wird eine gemeinsame Auseinandersetzung über sowas wie Regeln/Umgangsformen um Diskriminierung möglichst zu vermeiden nie ausbleiben.

    Reply
    1. Stefan

      Also ich meine Ziel sollte es ja nicht sein, winzige “Safe-Spaces” zu erstellen, wo jeder für sich drin auskommt (dafür ist einfach alleine Zuhause bleiben das beste), sondern das gesamte Zusammenleben so zu versuchen so zu gestalten, dass alle sich möglichst wohlfühlen.

      Reply
      1. Georg Post author

        Aber ich finde ja eben, dass es offenbar nicht möglich ist, Defaults zu finden, die wirklich alle glücklich machen.

        Ich dachte, das hätte ich beschrieben: Ist Handreichen der Default, stört es Autisten, ist Nicht-Handreichen der Default, stört es Menschen, denen Berührungen wichtig sind.

        Wir kommen also nicht drumrum, dass es auch individuelle Bedürfnisse gibt, die einander ausschließen. Und die Erfahrung mit dem Shirt zeigt, dass indiv. Wünsche offenbar auch problemos respektiert werden, wenn sie kommuniziert wurden. Sam konnte sich ja schließlich auf dem ganzen C3 bewegen – einem Raum, in dem sonst weiter munter die Hand gereicht wurde.

  2. sam

    @Georg da teile ich deine Meinung. Nun haben nicht (gendefekte) leute, das glück Interaktionen zu vestehen und dementsprechen auch reaktionsfähig zu sein. Dies gilt für mich nicht, teils ist es mir völlig unklar wenn jemand auf mich zu kommt, ob er mir die Hand geben will, oder aber mir böse gesinnt ist. Ihr bemerkt das und könnt agieren.
    Und ich bin genau wie du der Meinung wenn ich meine Grenzen klar und offen Kommuniziere, werden sie eher tolleriert und akzeptiert als wenn man einfach nur eine reaktion auswirft.

    Mal abgesehen das das Design echt der hammer war ;) ich liebe mein Shirt.

    Reply

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