Berliner Piraten-Liste ohne “Feministen-Stimmen”

Am vergangenen Wochenende haben die Berliner Piraten ihre Kandidatenliste für die kommende Bundestagswahl gewählt. Für viele überraschend daran war, dass auf die ersten vier Plätze nur Frauen gewählt wurden, und auf der Liste insgesamt 8 von 14 Frauen stehen, was einen Frauenanteil von 57% ausmacht. Und das ohne eine Frauenquote.

Daraufhin gab es einzelne Stimmen, diese Frauen seien nur wegen ihres Geschlechts gewählt worden, dank einer “Quote im Kopf” sozusagen. Und so ganz unbegründet ist der Verdacht nicht: Vor der Wahl gaben 34 Piraten eine “Selbstverpflichtung” ab, auf die ersten 4 Plätze nur Frauen zu wählen.

Ich fand diesen Verdacht jedoch schon beim ersten Hören nicht überzeugend. Ich halte selber wenig von Geschlechterquoten und hatte versucht, mit dem Geschlecht der Kandidaten so umzugehen wie mit deren Hautfarbe, sexueller Orientierung etc.: Es nämlich nicht bewusst zu beachten, anstatt es zu beachten. Dennoch kam ich bei meinem eigenen Stimmzettel auf 40% Frauen im Ja-Bereich und sogar 60% in meiner Top 5 – was überdurchschnittlich war, bei nur 28% Frauen unter allen Kandidaten.

Aber ich empfand die Auswahl eben so. Es gab für mich einfach mehr kompetente Kandidatinnen als Kandidaten.

Ich vermutete nun, dass da auch anderen Wählern so ging. Und das schöne an unserem Schulze-Wahlverfahren ist, dass nachher alle Stimmzettel einzeln digital vorliegen. Man muss also gar nicht groß spekulieren, sondern kann selber direkt mit den Daten herumspielen.

Ich wollte also wissen, auf welches Ergebnis man kommt, wenn man die Stimmen der “Selbstverplichtungs-Piraten” nicht berücksichtigt. Dazu habe ich alle Wahlzettel herausgenommen, auf deren vorderen Präferenzstufen mindestens 4 Frauen und kein Mann angekreuzt waren. Das sind genau 56 Wahlzettel.1

Mit den übrigen 247 Stimmzetteln habe ich dann das Ergebnis neu berechnet. Und so hätte diese Liste ausgesehen (in Klammern die Plazierung auf der Original-Liste):

  1. Cornelia Otto (1)
  2. Miriam Seyffarth (2)
  3. Lena Rohrbach (3)
  4. Andreas Pittrich (5)
  5. Ulrike Pohl (4)
  6. Jan Hemme (7)
  7. Laura Dornheim (6)
  8. Anisa Fliegner (8)
  9. Enno Lenze (9)
  10. Michael Melter (12)
  11. Stephan Urbach (11)
  12. Daniel Schweighöfer (14)
  13. Dr. Jens Kuhlemann (nicht gewählt, Schulze-Rang 17)
  14. Heide Hagen (10)

Die wesentlichste Änderung: Aus der weiblichen Top4 wäre eine weibliche Top3 geworden, sonst gäbe es ein paar Verschiebungen um 1 oder 2 Plätze. Mareike Peter wäre nicht mehr dabei, dafür Jens Kuhlemann drin. Der Frauenanteil der gesamten Liste wäre also nur von 57% auf 50% gesunken.

Und so hätten die Präferenzprofile der ersten 3 ausgesehen:

stimmenprofil-praeferenzwahl-avb13-12stimmenprofil-praeferenzwahl-avb13-44stimmenprofil-praeferenzwahl-avb13-27

Auch hier also keine wesentliche Veränderung zum Original.

Kurzum: Es sieht ganz danach aus, dass wir auch ohne die Selbstverpflichtung einiger Piraten, 4 Frauen nach vorne zu wählen, 3 weibliche Spitzenkandidaten hätten.

Anhang:

1 Es kann natürlich auch Wähler gegeben haben, die aus anderen Gründen als der Selbstverpflichtung 4 Frauen und keinen Mann nach vorne gewählt haben. Diese “False Positives” würden sich aber zu Ungunsten des Frauenanteils auswirken. Trotzdem bleibt der Frauenanteil aber hoch.

Nachtrag 3.3.: Berliner Piraten-Top3 bleibt weiblich, selbst wenn …

12 thoughts on “Berliner Piraten-Liste ohne “Feministen-Stimmen”

  1. Grashalm GrünGlück (@KURHOF)

    Hallo Meister, hier vielleicht noch folgende Punkte:
    – der Wahlkampf war auch schon auf “unbedingt an die Spitze ne Frau”
    – was “kompetent” ist, wird gegenwärtig noch durch Wahlkampf bestimmt – wenn Tikkachu Heise mit Gegendarstellung trollt, ändert sich die Meinung vielleicht bald
    – insgesamt gibts ne sehr klare “Flausch-BusenFreundinnen”-Gruppe, die irgendwo zwischen Kreuzberger Kampflesben und Scherler-Sekte sich bildete
    – viele als gut empfundene Männer haben noch ne Stelle – und machen andere nieder oder nehmen ihnen zumindest das Licht oder die Kresse, äh Presse
    – die formalen Wahlmodalitäten waren zu großen Teilen so antiPiratig bis unmenschlich, daß informales Frauen-Flausch viel wichtiger wurde
    – insgesamt hat SCHULZE meiner Berechnung nach Frauen 1 Platz Bonus gegeben – ohne daß auch nur die WahlOrganisatoren das ganz kapiert hätten (siehe Tharon/..)
    Schöne Grüße, ein Feminist, der passives Wahlrecht mal nur für Frauen fordert, aber von DazuPack-ErsatzFrauen wie AngelaM wenig hält.
    Kurzes Fazit: um die 4 Top-Frauen zu erklären, greifst Du viiiel zu kurz.

    Reply
  2. juhi

    Der Herr “GrünGlück” hat Recht, es greift viiiiiiel zu kurz: Wenn man alle Kandidatinnen von der Liste streicht, und alle Männer, die Frauen gewählt haben, und jene, die vor der Wahl mit Frauen gesprochen haben oder Frauen kennen oder Männer kennen, die Frauen kennen und dann noch die Stimmen aller Frauen rausrechnet, die nicht nur Männer wählen, DANN hat man das RICHTIGE Ergebnis, bereinigt von den Stimmen der okkulten Matronenverehrer, der Saraswatianbeter und der Nazifeministinnen von der dunklen Seite des Mondes.
    Als Postgenderwirklichganzehrlichfeminist kann ich nur dazu raten, die Wahlmodalitäten entsprechend anzupassen!

    Reply
    1. Grashalm GrünGlück (@KURHOF)

      Juhuuu Juhi! Danke sehr für die HauptFrage, die unbewußt so auf meinem SolarPlexus herumlag (außer dem evtl. illegalen 3köpfigen Affen):
      wenn Schulze veröffentlicht wird – und das dann innerhalb einer “privaten Organisation” wieder Rückschlüsse auf Wähler oder WählerGruppen zuläßt, dann ist nicht nur die Wahl Start einer sekundären Gruppen-Diskussion/Bildung/ Mobbing, sondern umgekehrt auch die Wähler auf das WahlErgebnis schon vorher “eingestimmt” bis “eingeschüchtert”.
      Zusatz: im Gegensatz zu Afelia (1.Absatz ihres Langtextes) finde ich, daß jeder Mensch souverän & also politisch kompetent ist – und nicht nur Männer wie Frauen (u.u.) sondern auch Kinder miteinbezogen werden müssen.
      Dann gäbe es weniger Flughafen und mehr Sandburg! #juhuuuuu

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  3. Pingback: Piraten Berlin Pankow vermuten nach Wahl der Berliner Landesliste feministische Verschwörung | Popcorn Piraten

  4. Volker Schmidt

    Ich denke,wer mich kennt,wird gerne bestätigen,daß ich nun beim allerbesten Willen kein Chauvinist bin.
    Selbstverständlich sollen Frauen auf allen Ebenen der Politik gleichberechtigt mit den Männern teilhaben.
    Ich habe leider persönlich miterleben mÜssen,wie sich in Charl/Wilm deutlich wahrzunehmende Seilschaften von offenbar Macht und Karrieregeilen Frauen gebildet hatten.
    Klar Seilschaften gibt es auch bei Männern,daß ist dann sicher auch nicht besser.
    Traurig fand ich nur,das das einzige “politusche”Anliegen dieser Frauengangs offenbar das Ergattern von Posutuonen in der Partei oder den polit. Institutionen zu sein scheint.
    Das einzige Argument scheint dann auch leider das Geschlecht zu sein.
    Themen statt Köpfe;schon lange nicht mehr.
    Ich habe meine Konsequenzen gezogen,und sehe in den Piraten inzwischen keine wirkliche pol. Alternative mehr.
    Leute,die erwiesenermaßen unfähig sind,werden fÜr mich nicht plötzlich wählbar,nur weil sie Frauen sind.

    Reply
    1. Martin Müller

      “Klar Seilschaften gibt es auch bei Männern”

      Soso, _auch_ bei Männern… Selten so einen Haufen von Nebelkerzen gelesen.

      Reply
  5. jp

    “Dazu habe ich alle Wahlzettel herausgenommen, auf deren vorderen Präferenzstufen mindestens 4 Frauen und kein Mann angekreuzt waren. Das sind genau 56 Wahlzettel.”
    => “Die wesentlichste Änderung: Aus der weiblichen Top4 wäre eine weibliche Top3 geworden,”

    Das klingt recht logisch ;-) Leider kann man auch mit den Rohdaten nie 100% sagen wie die Wahl ohne “Feministen-Stimmen” ausgegangen wäre. Das gleiche trifft aber z.B. auch auf die bayrische Liste zu, da zu sagen die haben alle aus Chauvinismus nur Männer gewählt wie es momentan oft gemacht wird ist auch zu einfach.

    Die Frage ist wieso sich da überhaupt so wenig Frauen beworben haben (~5 von 63 wenn ich das gerade richtig überflogen habe). Wenn man mal davon aus geht das Männer und Frauen prinzipiell gleich qualifiziert sind, dann ergibt sich bei den Bewerben eben auch nur eine Quote von 8% Frauen, und das heißt unter den Top10 eigentlich keine Frau, unter den Top30 2, wirklich geschafft haben es sogar 2 in die Top10 und 4 in die Top30.

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  6. LeV

    Die Frage ist wieso sich da [in Bayern] überhaupt so wenig Frauen beworben haben.

    Genau, exakt, das ist eine spannende und berechtigte Frage. In Berlin gab es starke Initiativen, Frauen zur Kandidatur zu bewegen. Ich wurde selbst mehrfach von verschiedenen Leuten gefragt, ob ich nicht kandidieren wolle und ich glaube, es hatte sich sogar eine AG gegründet, die Frauen bei der Kandidatur unterstützen wollte. Dieses Singal, dass Kandidatinnen gewollt sind, könnte ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass sich überhaupt so viele kompetente Frauen zur Wahl gestellt haben. Ich behaupte frech, dass der Mangel an kompetenten KandidatInnen in Bayern und anderen LVs nichts damit zu tun hat, dass es dort keine kompetenten Frauen gibt, sondern allein damit, dass sich weniger kompetente Frauen getraut haben, zur Wahl anzutreten.

    Aber natürlich, wenn kompetente KandidatInnen zur Wahl stehen, dann wähle ich kompetente KandidatInnen, völlig unabhängig von deren Geschlecht, dem Wahlverfahren oder irgendwelchen Selbstverpflichtungen. Ich finde solche Initiativen begrüßenswert und bin stolz auf das Ergebnis der Berliner Wahl.

    Reply
  7. Eric Manneschmidt

    Du vergisst leider die Möglichkeit, dass die Selbstverpflichtung und die Diskussionen darüber das Wahlverhalten auch derjenigen beeinflusst hat, die trotzdem keine vier Frauen auf die ersten vier Plätze gewählt haben. Sowie auch (wie LeV schon schreibt) den möglichen Einfluss vor der Wahl, nämlich auf die Bereitschaft überhaupt erst zu kandidieren.
    Deine Schlussfolgerung “Es sieht ganz danach aus, dass wir auch ohne die Selbstverpflichtung einiger Piraten, 4 Frauen nach vorne zu wählen, 3 weibliche Spitzenkandidaten hätten.” ist daher absolut nicht valide. Wenn Du wirklich etwas wissen willst, musst Du die Leute befragen.
    Und nicht vergessen, dass manchmal die Wirkung einer politischen Maßnahme auch – unter Umständen sogar hauptsächlich – durch die durch sie entfachte Diskussion und Bewusstwerdung eines Themas oder Problems entsteht.

    Reply
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