Tabus und Ausgrenzung scheitern – Was tun mit bösen Meinungen im Internet?

In meiner Timeline habe ich vor einiger Zeit einen Artikel von Claudia Roth in der “Welt” gesehen. Unter der Überschrift Über Homosexualität darf man nicht streiten argumentiert sie, warum allein die Diskussion mit Homosexuellen-Gegner schon falsch ist.

Meine erste spontane Frage war: “Und was sollte man statt streiten tun? Sich prügeln?”

License: CC-by-sa warrenski/flickr

“Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen”
License: CC-by-sa warrenski/flickr

Dann wurde mir klar, dass das Thema eigentlich einen umfassenden Blog-Artikel wert ist, denn die dahinter stehende Haltung beschäftigt mich schon seit Jahren.

Claudia Roths Gedanken sind exemplarisch für eine breit geteilte Auffassung, nach der bestimmte Meinungen so böse und schädlich sind, dass sie von der (öffentlichen) Diskussion ausgeschlossen, also tabuisiert sein sollten. Einher geht dabei oft die Forderung, dass die bösen Menschen, die diese Ansichten teilen, auch sozial ausgegrenzt werden.

Weitere Beispiele für Tabus sind der Berliner Konsens, der Straftatbestand der Holocaustleugnung und das Zitat “Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen”.

Ich glaube, dass Tabus und Ausgrenzung zukünftig kaum noch funktionieren werden. Die kurze Begründung dafür ist: Das Internet ist schuld.

Für die längere Begründung trage ich im FAQ-Stil die mir bekannten Pro-Argumente für Tabus zusammen und entgegne ihnen. Schließlich will ich – nachdem ich erläutert habe, warum Tabus nicht mehr funktionieren werden – auch vorschlagen, was stattdessen funktionieren könnte.

“Durch Tabuisierung böser Meinungen kommen weniger Menschen in Kontakt mit diesen, ihre Verbreitung wird also verhindert.”

Beispiel: Dank des Straftatsbestands der Holocaustleugnung ist der Leuchter-Report in Deutschland nicht verfügbar.

Gegenargumente:

Im Internet haben Tabus immer weniger praktische Relevanz, wenn es um Verfügbarkeit geht. Ein sehr deutliches Beispiel dafür ist die Holocaustleugnung. Sie steht in vielen Ländern unter Strafe, darunter auch in Deutschland, dennoch ist es dank des Internets problemlos von Deutschland aus möglich, an umfangreiche Holocaustleugnungen zu kommen. So wird der o.g. Leuchter-Report direkt von seiner englischsprachigen Wikipedia-Seite aus verlinkt. Dies gilt auch für andere tabuisierte Ansichten: Webseiten von Homosexuellen-Gegnern, Sexisten, Rassisten finden sich im Netz zu Hauf.

Man kann fast sagen: Egal, welche rassistische, sexistische oder menschenverachtende These ich suche – im Internet gibt es immer eine Webseite dazu.

Die konkrete praktische Wirkung, nämlich die Verhinderung der Verbreitung, kann ein Tabu also höchstens noch bei schlecht versierten Google-Benutzern entfalten. Eine praktische Relevanz von Tabus ließe sich eigentlich nur mit einer effektiven Internet-Zensur wiederherstellen.

“Wenn schon Tabus nicht Verbreitung böser Meinungen verhindern, so erschweren oder verlangsamen sie diese wenigstens.”

Beispiel: Wenn ein Holocaust-Leugner nicht im Fernsehen auftreten und den Leuchter-Report vorstellen darf, erfahren weitaus weniger Menschen von diesem Report.

Gegenargumente:

Dieser Punkt ist heute zum Teil noch wahr. Allerdings wird das nicht mehr lange so bleiben.

Es gibt heute tatsächlich noch große Reichweiten-Unterschiede zwischen verschiedenen Medien und einzelnen Internet-Nutzern mit Facebook- und Twitter-Konto. Wenn sich hier nun “die Großen” zusammenschließen, um ein Tabu durchsetzen, können sie tatsächlich die Verbreitung verlangsamen. “Totschweigen” ist der bekannte Begriff dafür.

Diese Reichweiten-Unterschiede bestehen heute noch zum einen über das Medium: Immer noch viele Leute schauen ausschließlich oder größtenteils Fernsehen und haben kein Internet; was also im TV nicht vorkommt, kommt nicht bei ihnen an.

Ebenso gibt es Reichweiten-Unterschiede aufgrund von Reputation und Bekanntheit: Das Blog von Lieschen Müller ist genauso weltweit zugänglich wie Spiegel Online, allerdings wird Spiegel Online aus verschiedenen Gründen öfter regelmäßig gelesen.

Beides aber verändert sich gerade massiv: Die Nur-TV-Gucker kriegen immer öfter Internet. Oder sie sterben weg und Internet-Nutzer wachsen nach. Und auch wenn Frau Müllers Blog heute nicht gelesen wird, so wäre das morgen sicher ganz anders, wenn sie dort als einzige ein Foto von einem im Hudson River notgelandeten Flugzeug oder ein Video von einem herabstürzenden Kometen hätte.

Es gibt unzählige Beispiele für solche viralen Verbreitungen. Ihnen gemein ist, dass sie vielleicht verstärkt oder nicht verstärkt, aber nicht verhindert werden können, solange es genügend Interesse an der Information gibt.

Das oben genannte Beispiel können wir daher zum Test mal umformulieren: Wenn ein Geheimdienst-Mitarbeiter nicht im Fernsehen auftreten und die Geheimdokumente über globale Überwachung vorstellen darf, erfahren weitaus weniger Menschen von diesen Dokumenten.

Nun, ein Gegenbeispiel ist uns da gut bekannt.

“Durch die soziale Ausgrenzung böser Menschen, die böse Meinungen vertreten, wird das Leben dieser bösen Menschen erschwert. Schließlich wird bei ihnen der Leidensdruck so groß, dass sie aufhören, böse Meinungen zu verbreiten oder überhaupt zu haben.”

(Auch für Zuschauer entsteht hier eine Wirkung: Sie sehen, was einem droht, wenn man böse Ansichten hat. Sie vermeiden somit schon im Voraus, böse Ansichten zu äußern oder über sie überhaupt erst nachzudenken.)

Beispiel: Jemand, der die Gleichwertigkeit homosexueller Lebensweisen bezweifelt, darf nicht mehr in seine Lieblingskneipe gehen. Dadurch wird sein Leben freudloser, er stellt somit seine Ansicht in Frage, ändert sie und kann schließlich nach ausreichend Reuebekundungen wieder in seine Lieblingskneipe. (Andere “Homophobe” haben währenddessen lieber erst ganz auf die Äußerung ihrer Haltung verzichtet.)

Gegenargumente:

Dieser Punkt begann sich schon mit der Urbanisierung zu verändern und erfährt durch das Internet nochmal einen weiteren Schub.

Wenn ich in einer Dorfgemeinschaft lebe, habe ich tatsächlich wenig Auswahl, meine lebensnotwendigen Bedürfnisse zu erfüllen. Wenn der Bäcker, der Arzt und der Schmied sich zusammentun und mich ausgrenzen, ist quasi mein Leben bedroht, zumindest aber massiv erschwert. Auch die potenziellen Partner für meine sozialen Bedürfnisse (Freunde, Sex- und Lebenspartner) sind äußerst begrenzt. Es ist also sehr riskant, es sich mit zu vielen zu verscherzen.

Als Stadtbewohner ist das schon anders. Es ist unwahrscheinlicher, dass sich sich alle Bäcker oder Ärzte zusammentun, da es eben mehr Leute sind, die alle von meiner Boshaftigkeit überzeugt sein müssen. In einer Großstadt ist das quasi vollends unwahrscheinlich.

Und so wie Bäcker und Ärzte, die meine physischen Bedürfnisse befriedigen, ersetzbarer geworden sind – so führt das Internet auch dazu, dass meine Bekannten und Freunde, die meine sozialen Bedürfnisse erfüllen, ersetzbarer werden. Natürlich mag der Bruch einer Freundschaft dennoch unangenehm und für vieler ein tragischer Verlust sein, aber die Folgen werden tragbarer. Es folgt dann eben nicht zwingend erst eine lange Periode Einsamkeit, bis man wieder jemanden seinesgleichen gefunden hat – dank Internet geht das heute viel schneller.

Aus dem Grund findet man wohl auch Konformismus häufiger auf dem Land, und Querdenker hat es schon immer eher in die Städte und Metropolen gezogen. (Das heißt übrigens nicht, dass es nicht auch in Großstädten Konformisten gibt – nur die Querdenker sind dort eben nicht allein.) Mit dem Internet wird das extremer: Es ist nicht nur eine Millionen-, sondern eine Milliarden-Metropole.

Das Drohpotenzial einer Ausgrenzung ist also dank des Internets viel geringer. Anknüpfend an den o.g. Satz kann man sagen: Egal, wie rassistisch, sexistisch oder menschenverachtend ich bin – im Internet finde ich immer jemanden anderes, der es auch ist.

“Menschen, die unter bösen Meinungen besonders leiden, kommen dank Tabus seltener in Situationen, in denen sie solche Meinungen mitkriegen – und dabei Leid erfahren müssen”

Beispiel: Wenn es ein Tabu ist, die Gleichwertigkeit homosexueller Lebensweisen in Frage zu stellen, bekommen Homosexuelle seltener das Gefühl, nicht gleichwertig zu sein.

Gegenargumente:

Mit diesem Punkt würde ich zunächst noch am ehesten mitgehen. Es mag tatsächlich sein, dass ein Tabu die regelmäßige Konfrontation mit einer bösen Meinung verringert oder zumindest kontrollierbarer macht: Wenn das Infragestellen homosexueller Lebensweisen ein Tabu ist, was nur in dunklen Internet-Foren stattfindet, dann begegne ich dem zumindest im normaler Alltag nicht, zumindest viel seltener. Wenn ich also unter dieser Infragestellung besonders leide, würde ich dank des Tabus seltener leiden.

Allerdings können Tabus keine zufriedenstellende Lösung gegen das Leiden sein. Schließlich gibt es viele Inhalte, die bei manchen Menschen leidvolle Situationen hervorrufen können: Jemand, der kürzlich sein Kind bei einem Amoklauf verloren hat, könnte durch die filmische Nachstellung oder die Nachricht über einen neuen Amoklauf leiden. Es wäre keine gute Lösung, die Thematisierung von Amokläufen nun komplett mit einem Tabu zu belegen.

An solchen Stellen wird heute oft schon mit sogenannten Triggerwarnungen gearbeitet: Man weist die Leser zu Beginn darauf hin, dass gleich eine Thematisierung kommt, die Leid verursachen kann. Das ist vom Prinzip her ein sinnvoller Ansatz: Nicht der Sender wird beschränkt, etwas überhaupt zu sagen; sondern es wird dem Empfänger überlassen, was er rezipieren möchte.

Diese Filtersouveränität ist also effektiver, um Menschen leidvolle Begegnungen mit bösen Meinungen (oder sonstigem “Leid-triggerndem”) zu ersparen.

Übrigens, genauso wie es Filtersouveränität geben sollte, sollte es auch so etwas wie “Beteiligungs-” oder “Sende-Souveränität” geben: Ob man seine Meinung äußert oder lieber für sich behält – ob man zB als Homosexueller Fragen über seine Lebensweise beantwortet – so etwas sollte natürlich jedem selbst überlassen sein. Das Verbot, eine Meinung zu äußern, sollte nicht im anderen Extrem zu einem Gebot werden.

Alternativen zu Tabus

Wenn also Tabus nicht mehr so wirkungsvoll sind, wir könnte man stattdessen mit bösen Meinungen umgehen? Ich sehe da im Prinzip zwei Strategien: Ignorieren und Aufklären.

Welche man davon wählt, sollte (neben dem eigenen Interesse, siehe “Sende-Souveränität”) vor allem davon abhängen, welche Relevanz die böse Meinung hat. Relevanz wiederum definiert sich darüber, ob eine bestimmte Anzahl an Menschen erreicht ist, die eine böse Meinung für gut befinden. Und diese “bestimmte Anzahl” kann auch variieren je nach Reichweite des eigenen Mediums, über das man senden kann.

Andere Faktoren, wie zB die Bösartigkeit der Meinung, sollten explizit keine Rolle spielen.

Ein Beispiel:

  • Angenommen, manche Menschen halten die Gleichwertigkeit von Rothaarigen für nicht gegeben. Sie finden stattdessen, Rothaarige sollte keine Rechte besitzen und anderen Menschen als Sklaven dienen. Die Meinung wird jedoch von kaum jemandem geteilt.
    Zweifelsohne ist diese Meinung menschenverachtend. Dennoch wäre hier Ignorieren ein sinnvoller Umgang damit. Denn eine detailreiche Thematisierung und Aufklärung, insbesondere in einem Reichweiten-starken Medium, würde dieser Meinung nur eine falsche Relevanz zuschreiben.
  • Angenommen aber, diese Meinung würde von vielen Menschen geteilt werden: Mehr als 30% würden bezweifeln, dass Rothaarige volle Menschen- und Bürgerrechte haben sollten.
    Hier wären sicher Thematisierung und Aufklärung sinnvoll, ja sogar sehr wichtig. Denn keine Aufklärung würde bedeuten, dass sich mögliche Fehlannahmen über Rothaarige unwidersprochen verbreiten könnten.

Der Verzicht auf Tabus bedeutet also nicht den Verzicht auf Kritik. Ganz im Gegenteil: Der Verzicht auf die Tabuisierung einer bösen Meinung kann sogar die Kritik daran vereinfachen oder gar erst richtig ermöglichen: Denn um eine These zu kritisieren, muss man sie erst einmal darstellen. Je ausführlicher man das tun kann, auch indem eben die Vertreter der These selbst zu Wort kommen, desto originalgetreuer ist diese Darstellung und somit desto zielgenauer, detailreicher, tiefergehender und damit auch überzeugender die Kritik.

Rowan “Mr. Bean” Atkinson hat das übrigens noch besser formuliert, ihm überlasse ich das Schlusswort:

‘I am not intolerant’, say many people; say many softly spoken, highly-educated, liberal-minded people: ‘I am only intolerant of intolerance’. […] if you think about this supposedly inarguable statement for longer than five seconds, you realize that all it is advocating is the replacement of one kind of intolerance with another. Which to me doesn’t represent any kind of progress at all.

Underlying prejudices, injustices or resentments are not addressed by arresting people: they are addressed by the issues being aired, argued and dealt with preferably outside the legislative process. For me, the best way to increase society’s resistance to insulting or offensive speech is to allow a lot more of it. As with childhood diseases, you can better resist those germs to which you have been exposed.

5 thoughts on “Tabus und Ausgrenzung scheitern – Was tun mit bösen Meinungen im Internet?

  1. Eric Manneschmidt

    Nachdem ich gerade einen langen Kommentar geschrieben hatte, stelle ich nun fest, dass mir gar nicht klar ist, was eigentlich Deine Aussage ist.
    Geht es um staatliche Begrenzungen der Meinungsfreiheit? Oder gesellschaftliche Vereinbarungen dazu ohne legislative Form?
    Geht es um Claudia Roth?
    Was ist der Unterschied zwischen “Ignorieren” (einer Deiner Lösungsvorschläge) und “mit denen nicht diskutieren” (Roth)?
    Inwieweit unterscheidest Du zwischen “bösen Meinungen” und falschen bzw. irreführenden Tatsachenbehauptungen?
    Inwieweit unterscheidest Du zwischen “im Internet” und darüber hinaus (und wie würdest Du das organisatorisch/legislativ trennen)?

    Reply
    1. Georg Post author

      Danke für Deine Fragen! Ich geh sie mal der Reihe nach durch.

      Nachdem ich gerade einen langen Kommentar geschrieben hatte, stelle ich nun fest, dass mir gar nicht klar ist, was eigentlich Deine Aussage ist.

      Es ist diese:

      “Ich glaube, dass Tabus und Ausgrenzung zukünftig kaum noch funktionieren werden.”

      “Funktionieren” definiert sich dabei: Sie haben nicht (mehr) die Wirkung, die die Aufrechterhalter von Tabus und Betreiber von Ausgrenzung sich erhoffen.

      Geht es um staatliche Begrenzungen der Meinungsfreiheit? Oder gesellschaftliche Vereinbarungen dazu ohne legislative Form?

      Die Frage hat Gemeinsamkeiten mit der letzten, ich beantworte sie daher mit am Schluss.

      Geht es um Claudia Roth?
      Was ist der Unterschied zwischen “Ignorieren” (einer Deiner Lösungsvorschläge) und “mit denen nicht diskutieren” (Roth)?

      Ich verstehe Claudia Roths Position nicht nur als “mit denen nicht diskutieren”, sondern auch als “unterbinden, dass überhaupt jemand mit denen diskutiert” und “unterbinden, dass sie zu Wort kommen”. Ignorieren bedeutet nur ersteres, nicht aber die letzten beiden Dinge.

      Der andere, sehr entscheidende Unterschied: Nicht der “Grad der Bösartigkeit / Schädlichkeit” der Meinung sollte relevant sein für die Entscheidung zwischen Aufklären und Ignorieren, sondern die Anzahl der Menschen, die sie glauben oder für möglich halten.

      Inwieweit unterscheidest Du zwischen “bösen Meinungen” und falschen bzw. irreführenden Tatsachenbehauptungen?

      Über diese Unterscheidung hatte ich noch nicht nachgedacht. Spontan antworte ich daher: Gar nicht.

      Also auch hier sind Ignorieren oder Aufklären sinnvoll: Der Behauptung, die Erde sei eine Scheibe, begegnet man auch am besten mit Ignorieren, wenn diese Behauptung nahezu niemand glaubt. Glauben diese Behauptung aber sehr viele Menschen, ist Aufklären sicher besser.

      Auch hier der entscheidende Aspekt: Nicht der “Grad der Falschheit” der Tatsachenbehauptung sollte relevant für die Entscheidung zwischen Aufklären und Ignorieren sein, sondern die Anzahl der Menschen, die sie glauben oder für möglich halten.

      Inwieweit unterscheidest Du zwischen “im Internet” und darüber hinaus (und wie würdest Du das organisatorisch/legislativ trennen)?

      Zunächst zum zweiten Teil der Frage: Ich sehe Tabus und Ausgrenzung in Deutschland vor allem als soziales Phänomen, einen legislativen Handlungsbedarf sehe ich derzeit nicht. Denn ich sehe hier derzeit kein tabuisierte Meinung, die 1) von einer großen Zahl von Menschen geteilt wird und gleichzeitig 2) vom Gesetzgeber verboten ist.

      Zum ersten Teil: Was ich beschreibe, also den Verlust der Wirkung von Tabus und Ausgrenzung, spielt sich tatsächlich zunächst im Internet ab. Es färbt aber natürlich auch auf den “Meatspace” ab.

      Als Beispiel dafür sehe ich die Petition gegen den Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg. Diese Petition rüttelt – wie Claudia Roth ja beschreibt – offenbar am Tabu, die Lebensweise Homosexueller und Heterosexueller nicht gleich zu bewerten. Sie verbreitete sich anfangs nur im Internet und erlangte dort solche Aufmerksamkeit, dass sie schließlich auch Thema in Fernseh-Talkshows wurde.

      Ich denke, ohne das Internet wäre das nicht passiert.

      Reply
      1. Eric Manneschmidt

        Vielen Dank für die Präzisierung.
        Grundsätzlich glaube ich, dass Du das Internet überschätzt, weil alle diese Phänomene vorher schon da waren. Manches geht halt jetzt etwas schneller.
        An einigen Punkten verstehe ich vermutlich immer noch nicht, was Du meinst. Jedenfalls erwähnst Du selbst den Straftatbestand der Holocaustleugnung – und da könnte man auf die Idee kommen, dass da deshalb nur wenige Leute drauf abfahren, weil es verboten ist (für manche wird es dadurch freilich erst attraktiv). Konkretes Beispiel: Würdest Du diesen Straftatbestand aufheben? Oder würdest Du ihn auf die Welt des Nicht-Internets beschränken? Das ist jetzt keine Fangfrage, ich hab Deinen Punkt einfach noch nicht verstanden (und das Beispiel bietet sich natürlich an).

        Wie Du ohne den Grad an Bösartigkeit zu bestimmen überhaupt irgendetwas tun willst, ist mir natürlich vollkommen unklar. Zumindest musst Du Dir ja sicher sein, dass “Bösartigkeit” vorliegt, damit Du selbst mit “ignorieren” oder “aufklären” reagieren kannst. Du würdest die Welt also in zwei Kategorien einteilen, “bösartig” vs. “nicht bösartig” bzw. in drei (residual: “unklar”).
        Dann würdest Du die bösartigen wahlweise mit Aufklärung oder mit Ignorieren ‘behandeln’, zwei Konzepte, die einander weitgehend ausschließen (sinnvollerweise müsstest Du Dich also konsequent für eine von beiden für jeden ‘Fall’ entscheiden). Nach welchen Kriterien entscheidest Du Dich für eines der beiden Konzepte?
        Der Grad der Bösartigkeit ist m.E. aber auch deshalb eminent wichtig, weil Du immer mit knappen Ressourcen arbeitest (wenigstens Zeit und Aufmerksamkeit) und deshalb Prioritäten setzen musst.
        …außer natürlich beim “ignorieren”…
        Ignorieren hat noch einen anderen interessanten Aspekt: Niemand bekommt mit, wie Du überhaupt zu einer Sache stehst.

        Wenn ich es richtig verstehe, hast Du keine konzertierte Aktion zur Problembehandlung im Sinn. Wenn Du Dich also für ignorieren entscheidest, dann funktioniert das auch, wenn andere es mit aufklären versuchen – und andersrum. In der Praxis wird in größeren Gruppen dann vermutlich immer beides zugleich versucht, wobei hinzukommt, dass “aufklären” als vollkommen wertfreies Konzept wohl kaum gelten kann und es zudem auch verschiedene Methoden der Aufklärung geben kann. (Eine davon ist: Wir lassen die jetzt mal machen, die entzaubern sich dann schon selbst.)

        Jetzt noch ein konkretes Beispiel: Seit einiger Zeit schon sind bei den Piraten Vertreter der Tabakindustrie oder/und ziemlich durchgeknallte Kampfraucher unterwegs. Sie verbreiten krude Thesen über Passivrauchen (siehe http://www.cigarworld.de/blog/?p=489 und http://www.forum-rauchfrei.de/index.php?did=20130823_antwort_piraten_auf_nachfrage.pdf), laufen auf solchen Demos herum (http://www.derwesten.de/staedte/duesseldorf/demo-gegen-rauchverbot-id8074770.html – z.B. der NRW-Landesvorsitzende und mind. ein Abgeordneter des Landtages) und haben es insgesamt geschafft, die Piratenpartei als einen Haufen korrupter oder dauerbedröhnter Idioten dastehen zu lassen (siehe http://lobbywatch.wordpress.com/2012/08/17/tabaklobbyisten-kapern-die-piratenpartei/ – Kommentare).
        Wurde diese Entwicklung bisher einfach nicht genügend “ignoriert” um sie unschädlich zu machen oder was ist da schief gelaufen?

        Ich muss gestehen, dass mich Dein Ansatz – soweit ich ihn verstehe – überhaupt nicht überzeugt. Es überzeugt mich nicht, keine Einschätzung der Gefährlichkeit/Bösartigkeit von wirrem Zeug vorzunehmen. Es überzeugt mich das Ignorieren (zumal als nicht abgestimmte Einzelmaßnahme) überhaupt nicht. Aufklären als scheinbar selbstverständlicher Begriff (komischerweise haben auch die Nazis “Aufklärung” betrieben) überzeugt mich nicht, noch weniger wenn sie dann faktisch im Wechsel bzw. gleichzeitig mit Ignorieren stattfinden soll (was ihr gleich einen sehr halbherzigen Anschein gibt).

        Ich sehe nicht den qualitativen Unterschied zwischen Diskursen im Internet und solchen außerhalb. Weil die Akteure in beiden Fällen einfach Menschen sind (oft die selben).
        Menschen und (insbesondere offene) Gesellschaften sind immer verwundbar. Atkinson hat einen wichtigen Aspekt vergessen:
        “As with childhood diseases, you can better resist those germs to which you have been exposed.” – AS LONG AS YOU SURVIVE.
        Oft genug gelingt dieses nämlich nicht. Ob es jetzt um Bedrohungen einzelner Menschen durch gezielt und bösartig gestreute Fehlinformationen bzw. damit einhergehender “Meinungen” geht oder um die (Selbst-)Vernichtung ganzer Gesellschaften.

        P.S.
        Übrigens finde ich, wiewohl selbst Stadtbewohner, Deine Zuordnung “Konformismus” (Landbewohner) und “Querdenker” (Stadtbewohner) arg platt. Die Frage wäre hier: Wie heterogen ist die Gruppe der “Querdenker”? Welche Parameter?

      2. Georg Post author

        Jedenfalls erwähnst Du selbst den Straftatbestand der Holocaustleugnung – und da könnte man auf die Idee kommen, dass da deshalb nur wenige Leute drauf abfahren, weil es verboten ist (für manche wird es dadurch freilich erst attraktiv). Konkretes Beispiel: Würdest Du diesen Straftatbestand aufheben? Oder würdest Du ihn auf die Welt des Nicht-Internets beschränken?

        Zunächst mal wollte ich mit der Erwähnung deutlich machen, dass nicht mal in Gesetz gegossene Tabus den Zweck erfüllen, dass sie die Verbreitung verhindern oder erschweren. Denn das scheint der ja beim Straftatbestand der Holocaustleugnung der Fall zu sein.

        Ob man den Straftatbestand nun aber abschaffen sollte, hängt davon ab, ob er nicht vielleicht auch andere Zwecke erfüllt.

        Zu berücksichtigen wäre auch, dass der Akt der Abschaffung ja eine Handlung wäre, mit der man womöglich ungewollt Signale senden würde – zB dass man vielleicht den Holocaust verharmlose.

        Es fällt mir also schwer, hier zu einer abschließenden Haltung zu kommen.

        Zu Deiner These, dass Kriminalisierung einer Meinung auch dazu führt, dass sie weniger verbreitet ist: Möglich, wobei ich da auch erst mal mehr Daten sehen wollen. Aber auch hier wäre die Frage, ob dieser Effekt nicht eher historisch ist. Früher hat nämlich eine Kriminalisierung eben auch faktisch zu weniger Verfügbarkeit geführt – plausibel, dass dann auch die Verbreitung geringer war. Nur genau diesen praktischen Effekt der Verbreitungs-Einschränkung hat ja Kriminalisierung dank des Internets immer seltener.

        Wenn ich es richtig verstehe, hast Du keine konzertierte Aktion zur Problembehandlung im Sinn. Wenn Du Dich also für ignorieren entscheidest, dann funktioniert das auch, wenn andere es mit aufklären versuchen – und andersrum.

        Das Thema meines Artikel sind in erster Linie Tabus und Ausgrenzung und der Verlust ihrer Wirksamkeit. Diesen Verlust beobachte ich und habe versucht ihn zu beschreiben.

        Danach habe ich mir Gedanken zu Alternativen gemacht, und dabei sind mir eben Ignorieren und Aufklären in den Sinn gekommen.

        Das müssen nicht die einzigen Alternativen sein. Gern höre ich mir bessere an. Sicher bin ich mir nur, dass Tabus und Ausgrenzung keine möglichen Alternativen mehr sind.

        Wie Du ohne den Grad an Bösartigkeit zu bestimmen überhaupt irgendetwas tun willst, ist mir natürlich vollkommen unklar. Zumindest musst Du Dir ja sicher sein, dass “Bösartigkeit” vorliegt, damit Du selbst mit “ignorieren” oder “aufklären” reagieren kannst.

        Nicht zwingend, ich muss mich ja auch bei “gutartigen” oder harmlosen Meinungen entscheiden, ob ich sie ignoriere oder ob ich auf sie reagiere (zB aktiv gutheiße). So wie ich es eben bei jeder Äußerung machen muss.

        Aber gut, Du hast natürlich insofern Recht, dass ich bei (meiner Bewertung nach) bösartigen Meinungen anderer eher ein Interesse habe, dass diese Meinungen sich ändern oder wenigstens sich nicht verbreiten, als bei “gutartigen” Meinungen. Es kann also durchaus sinnvoll sein, auch Bösartigkeit zu bestimmen und zu berücksichtigen. Dann sollte aber gelten:

        Bei der Frage, ob man ignoriert oder aufklärt, sollte besondere Bösartigkeit eher ein Grund für Aufklären als für Ignorieren sein.

        Der Satz im Artikel, dass Bösartigkeit keine Rolle spielen sollte, mag da missverständlich sein. Es ging mir an der Stelle darum, dass auch besondere Bösartigkeit kein sinnvolles Argument für ein Tabu ist.

        [Tabak-Kontroverse bei den Piraten]
        Wurde diese Entwicklung bisher einfach nicht genügend “ignoriert” um sie unschädlich zu machen oder was ist da schief gelaufen?

        Na hier geht’s doch glaub ich um etwas anderes, nämlich darum, wie die Piratenpartei NRW nach außen ankommt – also was die Leute glauben, welche Meinung sie vertritt. Da würde ich einfach sagen: Beschließt das mit einem Mittel Eurer Wahl (SMV, Parteitag etc.) und wählt Repräsentanten, die diese Position dann vertreten. Und wenn da was schiefgeht, muss man eben einen PR-Berater fragen.

        Zu der These an sich, nämlich ob Passivrauchen schädlich ist oder nicht, kann ich meiner Wahrnehmung nach nur sagen, dass ich diese Meinung nicht für sehr verbreitet halte. Ich persönlich würde also meine Zeit nicht darauf aufwenden, hier aufzuklären. Andere mit anderer Wahrnehmung mögen sich da gern anders entscheiden.

        Was aber feststeht – und damit komme ich auch wieder auf das eigentliche Artikelthema zurück: Ich hielte ein Tabu für diese Passivrauchen-ist-nicht-schädlich-These für absolut falsch.

        Übrigens finde ich, wiewohl selbst Stadtbewohner, Deine Zuordnung “Konformismus” (Landbewohner) und “Querdenker” (Stadtbewohner) arg platt. Die Frage wäre hier: Wie heterogen ist die Gruppe der “Querdenker”? Welche Parameter?

        Zunächst mal schrieb ich extra: (Das heißt übrigens nicht, dass es nicht auch in Großstädten Konformisten gibt – nur die Querdenker sind dort eben nicht allein.)

        Ich könnte jetzt natürlich versuchen, beide Begriffe genauer zu definieren und die These empirisch zu belegen. Aber sie ist ja kein Stützpfeiler meiner Argumentation. Es ist eher eine korrelierende Beobachtung zu dem was ich auch im Internet wahrnehme, daher habe ich sie zur Illustration mit erwäht. Ich sehe also jetzt nicht, wo der Erkenntnisgewinn einer detaillierten Betrachtung liegen würde.

        Ich sehe nicht den qualitativen Unterschied zwischen Diskursen im Internet und solchen außerhalb. Weil die Akteure in beiden Fällen einfach Menschen sind (oft die selben).
        Menschen und (insbesondere offene) Gesellschaften sind immer verwundbar.

        Ich verstehe hier wiederum nicht, wie man zwischen Diskursen im Internet und solchen außerhalb sinnvoll trennen soll. Ein Tabu, dass im Internet zerbröckelt, hat doch dann auch außerhalb des Internets immer weniger Wirkung.

        Wenn Du nun beschreibst, dass “gezielt und bösartig gestreute Fehlinformationen” Menschen bedrohen können, dann hast Du natürlich Recht. Die Frage ist aber nicht: “Sollte das Streuen von Fehlinformationen möglich sein?” – denn diese Frage ist mit der Existenz und Struktur des Internets schon mit Ja beantwortet. (Man könnte die Antwort Nein erzwingen – dann müsste man aber in diese Struktur eingreifen, mit einer Zensur zB.)

        Stattdessen ist die Frage: “Wie gehen wir damit um, dass das Streuen von Fehlinformationen möglich ist?”

        Und da argumentiere ich, dass Tabus nicht mehr funktionieren. Und dass Ignorieren und Aufklären eher funktionieren.

        Das heißt nicht, dass Ignorieren und Aufklären risikolos sind oder keine Nachteile haben. Ich sehe nur langfristig keine besseren Mittel.

  2. Eric Manneschmidt

    Nun, ich bin nicht sicher, ob wir nicht im Wesentlichen aneinander vorbei reden.
    Hier ganz knapp meine zentralen Punkte:
    – Ich bin ziemlich sicher, dass Verbote, Tabus, Ausgrenzung noch nie zu einem 100%igen Erfolg geführt haben. Auch nicht in der menschlichen Frühgeschichte, als es noch nicht einmal Buchdruck oder Schrift gab.
    – Du hast es selbst erwähnt, es gibt eine ‘Signalwirkung’ im Zusammenhang mit gesetzlicher und/oder gesellschaftlicher Normensetzung. D.h. dass solche Verbote, Tabus, Ausgrenzungen im Regelfall eine gewisse Wirkung entfalten (<100%), die ist mit Sicherheit stark abhängig davon, wie nachvollziehbar sie jeweils sind.
    – Es gibt in meinen Augen keinen sinnvollen Grund, die Maßnahme 'Ausgrenzung' (in welcher konkreten Form auch immer) als konkurrierende Alternative der 'Aufklärung' gegenüberzustellen, insbesondere da keines der beiden Konzepte für sich ausreichend ist für einen 100%igen oder doch weitgehenden Erfolg. Soll heissen, man kann etwas verbieten und gleichzeitig darüber aufklären, warum das Quatsch ist und warum man seine Verbreitung für gefährlich hält.
    – Fazit: Es kann m.E. nur darum gehen 'Ausgrenzung' sehr vorsichtig und reflektiert einzusetzen, um zu verhindern, dass "Kinderkrankheiten" (Atkinson) Menschen bzw. die Gesellschaft so nachhaltig schädigen, dass sie damit die weitere Entwicklung faktisch beenden. Das Internet spielt in dem Zusammenhang keine Ausschlag gebende Rolle.

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