“Jeder vierte Deutsche findet, dass andere Deutsche Sex ohne explizite Einwilligung in Ordnung finden (könnten).”

Die EU hat eine Studie zum Thema Vergewaltigung machen lassen, und die Ergebnisse
haben zu vielen aufgeregten Überschriften geführt:

Dabei ist die zentrale Frage in der Studie recht mehrdeutig
formuliert gewesen. Sie lautete nämlich:

Es gibt Personen, die finden, dass Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung unter bestimmten Umständen gerechtfertigt ist. Glauben Sie, dass dies auf folgenden Situationen zutrifft?

Wenn hier nun zu einer der genannten Situationen zugestimmt wurde, so wurde
dies von den Wissenschaftlern als Rechtfertigung von Vergewaltigung gezählt.

Bei dieser Schlussfolgerung sehe ich zwei Probleme:

1. Implizit ein “explizit” reinlesen

Es ist durchaus möglich, dass manche Befragten hier die Frage beantworteten,
ob Geschlechtsverkehr ohne explizite Einwilligung unter bestimmten Umständen
gerechtfertigt sei. Beispielsweise war eine der Antworten

freiwillig zu jemandem nach Hause mitgehen, zB nach einer Party oder Verabredung

Mir scheint das in der Praxis sogar ein recht häufiger Fall zu sein, dass man zu
jemandem nach Hause nachts mitgeht und dann Sex hat, ohne explizit noch
einmal darüber zu sprechen. Das Abends-Nach-Hause-Mitkommen scheint für die meisten Menschen so eine starke Kommunikation für Ich-will-Sex zu sein, dass das Mem sogar für
Mainstream-Comedy-Serien und Werbespots taugt.

Eine viel passendere und genauso klare Formulierung wäre “gegen den Willen” gewesen (wie es übrigens auch im zuletzt reformierten und weit begrüßten neuen Strafrechtsparagraphen steht). Damit hätte man auch den Default-Effekt ausgeschlossen, und damit die Lesart, dass auch Sex ohne explizite Einwilligung, aber dennoch nicht gegen den Willen eines Beteiligten gemeint ist.

2. Unklarer Bezug der Frage

Die ganze Frage besteht aus einem Aussage- und einem Fragesatz. Hier nochmal,
diesmal mit Hervorhebung von mir:

Es gibt Personen, [die finden (A)], dass [Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung
unter bestimmten Umständen gerechtfertigt ist (B)]. Glauben Sie, dass dies auf folgenden Situationen zutrifft?

Gefragt wird also, ob etwas zutrifft. Aber was? Wer hier bei einer Situation
zustimmt, kann zweierlei gemeint haben:

  • (B): Geschlechtsverkehr ist ohne Einwilligung in dieser Situation gerechtfertigt
  • (A): Es trifft zu, dass es (andere) Personen gibt, die so etwas gerechtfertigt
    finden (ich aber nicht).

Während (B) sich tatsächlich als Zustimmung zu Vergewaltigung interpretieren ließe, ist (A) nur eine Aussage darüber, wie man die Situation auf der Welt einschätzt.

Diese Mehrdeutigkeit hat auch schon Erzählmirnix in einem Comic gut zusammengefasst.

Vermutlich wurde die Formulierung so gewählt, um dem Effekt der Sozialen Erwünschtheit vorzubeugen: Man nahm das, dass manche Befragte zwar Vergewaltigung (insgeheim) billigen, aber es in der Befragung nicht so klar sagen wollen würden (weil sie wissen, dass diese Antwort sozialen Normen widerspräche). Um das abzumildern, wurde ein einleitender Satz vorangestellt, der suggerierte, dass der Befragte mit seiner Meinung nicht allein wäre – somit also eher mit seiner tatsächlichen Überzeugung antworten werde.

Schade nur, dass dadurch eben diese Mehrdeutigkeit entstanden ist.

~

Ich weiß natürlich nicht, wie sehr diese Mehrdeutigkeiten tatsächlich die eigentlich intendierten Frage-Bedeutungen verzerrt haben. Der Effekt kann sehr klein oder sehr groß sein – aber genau dass ist die Tragik an der Studie: Man wird es nicht mehr herausfinden. Deswegen habe ich für diesen Artikel auch die Überschrift gewählt, die die Studie in dieser Frage hergibt.

Trotzdem: die anderen Erkenntnisse sind durchaus lesenswert, daher hier nochmal der Link zur Studie.

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