Kriminalität und Nationalität: Überraschend schwache Argumente

Der Kriminologe Christian Pfeiffer gibt ein Interview zur Frage “Nationalität spielt bei Kriminalität eine Rolle spielt  – und wird breit und begeistert im Netz geteilt. Komisch, denn seine Argumente sind ziemlich dünn.

Ich gehe mal Schritt für Schritt durch:

Die Kriminalität in Deutschland geht im Gewaltbereich um 15 Prozent nach unten, gleichzeitig haben wir ein starkes Anwachsen des Anteils der “Fremden”. Die Schnellschuss-Antwort, die Ausländer sind die Bösen und verantwortlich für die Kriminalität, ist einfach falsch.

Dass Ausländer allein für sämtliche Kriminalität verantwortlich seien, behauptet ja auch niemand. Die Frage, die Pfeiffer vorher ja selbst stellt, ist, ob sie krimineller als Deutsche sind.

Und da ist der Befund, dass Kriminalität insgesamt zurückgeht bei steigender “Fremden”-Zahl, kein Gegenargument. Es könnte sich ja einfach um zwei überlagernde Trends handeln: Denkbar wäre folgendes:

  • Die Kriminalität geht einerseits stark zurück (zB wegen besserer allg. Prävention), sagen wir: um 20%.
  • Gleichzeitig steigt sie wiederum um 5%, weil es mehr “Fremde” gibt.
  • Am Ende kommen immer noch minus 15% raus.

Um meinen Punkt zu verdeutlichen, stellen wir uns folgenden Satz vor:

Brandstiftungen sind in den letzten 15 Jahren allgemein zurückgegangen, insofern ist die große Besorgnis um rechtsradikale Brandanschläge unberechtigt.

Der Satz wäre ziemlich verstörend und am Thema vorbei. Er entspricht aber der Logik Pfeiffers.

Polizeiliche Statistiken sind untauglich, um die Kriminalität von Deutschen und Ausländern zu vergleichen, weil die “Fremden” ein erhöhtes Risiko haben, angezeigt zu werden. Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern weltweit. Ich sage es mal am Beispiel von deutschen Jugendlichen, die wir dazu erforscht haben: Wenn Max von Moritz verprügelt wird, ist die Anzeigebereitschaft 19 Prozent, wird Max von Mehmet verprügelt, ist sie über 31 Prozent.

Ah ja. Gilt das dann auch bei Männern und Frauen? Wenn man zB herausfinden würde, dass eine Frau, die einen Mann schlägt, seltener angezeigt wird, als ein Mann, der eine Frau schlägt – wären dann polizeiliche Statistiken untauglich, um die Kriminalität von Männern und Frauen zu vergleichen?

Ich finde ja die Erkenntnis erst einmal interessant: Eine verschieden hohe Anzeigebereitschaft ist tatsächlich ein verzerrender Faktor. Aber die Frage ist eben, wie sehr, und wie verbreitet der Effekt ist. Denn es gibt es ja auch verschiedene Delikte. Ich bezweifle zB., dass die Zahlen zu Mord und Totschlag durch verschieden hohe Anzeigebereitschaft verzerrt werden. Sein Rundumschlag, dass polizeiliche Statistiken untauglich seien, verwundert mich da einfach.

Sichere Forschungsergebnisse kann man nur dann gewinnen, wenn man beispielsweise 10.000 Frauen fragt: Sind Sie vergewaltigt worden? Wenn ja, wer war der Täter? Und haben Sie Anzeige erstattet? Erst auf der Basis solcher Untersuchungen kann man dem gerecht werden, was da im Augenblick öffentlich debattiert wird.

Dieser Ansatz erschließt sich mir nicht. Die offene Frage war ja der Faktor Nationalität. Dazu muss man den ja messen. Wenn ich Pfeiffer richtig verstehe, sollen die Opfer dann auch nach Augenschein und aus Erinnerung einschätzen, ob der Täter einen deutschen oder ausländischen Pass hatte. Und das soll verwertbare Ergebnisse bringen?

Am Ende wird es besonders spannend, wie Pfeiffer selbst sagt:

Auch die Prägungen in einer bestimmten Kultur sind gelernte Vorgänge. Wir haben in Deutschland sehr viele Menschen aus Ländern bekommen, in denen es männliche Dominanz gibt wie etwa in der Türkei. Wir haben 1998 damit begonnen, solches Macho-Verhalten systematisch zu erfassen und in Verbindung mit Kriminalitätsverhalten zu bringen. Am Beispiel Hannover zeigte sich, dass etwa 30 Prozent der männlichen jungen Türken gestandene Machos waren. Das Spannende ist, dass wir 2013 dieselbe Untersuchung wiederholt haben und einen steilen Rückgang auf zehn Prozent festgestellt haben. Parallel dazu hat eine Integration ins Bildungswesen und in Sportvereine stattgefunden.

Also ich fasse zusammen:

  • Männer aus einer südländischen Kultur waren vermehrt Machos.
  • Das hatte Einfluss auf ihr Kriminalitätsverhalten.
  • 15 Jahre später sind es viel weniger Machos.

Was will Pfeiffer uns damit sagen? Dass Integrationsmaßnahmen die Kriminalität senken können? Das glaube ich gern, wirklich.

Aber gleichzeitig hieße das doch, dass in der Ausgangssituation die Kriminalität eben deutlich höher war. Sein Beispiel suggeriert ja gerade, dass bei einem frisch Eingereisten aus einem Land mit Machokultur von einer höheren Kriminalität ausgegangen werden sollte. Und dass es einige Jahre dauern könne, bis diese spürbar zurückgehe, selbst mit Integrationsmaßnahmen. Oder verstehe ich das falsch?

~

Was mich so verwundert ist übrigens nicht, dass da jemand ein Interview mit schwachen Argumenten gibt. Das passiert ja nicht selten.

Was mich so verwundert ist, dass viele diese schwachen Argumente so freudig teilen, die sonst eigentlich Kluges schreiben, und die noch vor einigen Jahren bei “Killerspielen” (übrigens auch mit Herrn Pfeiffer) die Haare gerauft haben.

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