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Tabus und Ausgrenzung scheitern – Was tun mit bösen Meinungen im Internet?

In meiner Timeline habe ich vor einiger Zeit einen Artikel von Claudia Roth in der “Welt” gesehen. Unter der Überschrift Über Homosexualität darf man nicht streiten argumentiert sie, warum allein die Diskussion mit Homosexuellen-Gegner schon falsch ist.

Meine erste spontane Frage war: “Und was sollte man statt streiten tun? Sich prügeln?”

License: CC-by-sa warrenski/flickr

“Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen”
License: CC-by-sa warrenski/flickr

Dann wurde mir klar, dass das Thema eigentlich einen umfassenden Blog-Artikel wert ist, denn die dahinter stehende Haltung beschäftigt mich schon seit Jahren.

Claudia Roths Gedanken sind exemplarisch für eine breit geteilte Auffassung, nach der bestimmte Meinungen so böse und schädlich sind, dass sie von der (öffentlichen) Diskussion ausgeschlossen, also tabuisiert sein sollten. Einher geht dabei oft die Forderung, dass die bösen Menschen, die diese Ansichten teilen, auch sozial ausgegrenzt werden.

Weitere Beispiele für Tabus sind der Berliner Konsens, der Straftatbestand der Holocaustleugnung und das Zitat “Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen”.

Ich glaube, dass Tabus und Ausgrenzung zukünftig kaum noch funktionieren werden. Die kurze Begründung dafür ist: Das Internet ist schuld.

Für die längere Begründung trage ich im FAQ-Stil die mir bekannten Pro-Argumente für Tabus zusammen und entgegne ihnen. Schließlich will ich – nachdem ich erläutert habe, warum Tabus nicht mehr funktionieren werden – auch vorschlagen, was stattdessen funktionieren könnte.

“Durch Tabuisierung böser Meinungen kommen weniger Menschen in Kontakt mit diesen, ihre Verbreitung wird also verhindert.”

Beispiel: Dank des Straftatsbestands der Holocaustleugnung ist der Leuchter-Report in Deutschland nicht verfügbar.

Gegenargumente:

Im Internet haben Tabus immer weniger praktische Relevanz, wenn es um Verfügbarkeit geht. Ein sehr deutliches Beispiel dafür ist die Holocaustleugnung. Sie steht in vielen Ländern unter Strafe, darunter auch in Deutschland, dennoch ist es dank des Internets problemlos von Deutschland aus möglich, an umfangreiche Holocaustleugnungen zu kommen. So wird der o.g. Leuchter-Report direkt von seiner englischsprachigen Wikipedia-Seite aus verlinkt. Dies gilt auch für andere tabuisierte Ansichten: Webseiten von Homosexuellen-Gegnern, Sexisten, Rassisten finden sich im Netz zu Hauf.

Man kann fast sagen: Egal, welche rassistische, sexistische oder menschenverachtende These ich suche – im Internet gibt es immer eine Webseite dazu.

Die konkrete praktische Wirkung, nämlich die Verhinderung der Verbreitung, kann ein Tabu also höchstens noch bei schlecht versierten Google-Benutzern entfalten. Eine praktische Relevanz von Tabus ließe sich eigentlich nur mit einer effektiven Internet-Zensur wiederherstellen.

“Wenn schon Tabus nicht Verbreitung böser Meinungen verhindern, so erschweren oder verlangsamen sie diese wenigstens.”

Beispiel: Wenn ein Holocaust-Leugner nicht im Fernsehen auftreten und den Leuchter-Report vorstellen darf, erfahren weitaus weniger Menschen von diesem Report.

Gegenargumente:

Dieser Punkt ist heute zum Teil noch wahr. Allerdings wird das nicht mehr lange so bleiben.

Es gibt heute tatsächlich noch große Reichweiten-Unterschiede zwischen verschiedenen Medien und einzelnen Internet-Nutzern mit Facebook- und Twitter-Konto. Wenn sich hier nun “die Großen” zusammenschließen, um ein Tabu durchsetzen, können sie tatsächlich die Verbreitung verlangsamen. “Totschweigen” ist der bekannte Begriff dafür.

Diese Reichweiten-Unterschiede bestehen heute noch zum einen über das Medium: Immer noch viele Leute schauen ausschließlich oder größtenteils Fernsehen und haben kein Internet; was also im TV nicht vorkommt, kommt nicht bei ihnen an.

Ebenso gibt es Reichweiten-Unterschiede aufgrund von Reputation und Bekanntheit: Das Blog von Lieschen Müller ist genauso weltweit zugänglich wie Spiegel Online, allerdings wird Spiegel Online aus verschiedenen Gründen öfter regelmäßig gelesen.

Beides aber verändert sich gerade massiv: Die Nur-TV-Gucker kriegen immer öfter Internet. Oder sie sterben weg und Internet-Nutzer wachsen nach. Und auch wenn Frau Müllers Blog heute nicht gelesen wird, so wäre das morgen sicher ganz anders, wenn sie dort als einzige ein Foto von einem im Hudson River notgelandeten Flugzeug oder ein Video von einem herabstürzenden Kometen hätte.

Es gibt unzählige Beispiele für solche viralen Verbreitungen. Ihnen gemein ist, dass sie vielleicht verstärkt oder nicht verstärkt, aber nicht verhindert werden können, solange es genügend Interesse an der Information gibt.

Das oben genannte Beispiel können wir daher zum Test mal umformulieren: Wenn ein Geheimdienst-Mitarbeiter nicht im Fernsehen auftreten und die Geheimdokumente über globale Überwachung vorstellen darf, erfahren weitaus weniger Menschen von diesen Dokumenten.

Nun, ein Gegenbeispiel ist uns da gut bekannt.

“Durch die soziale Ausgrenzung böser Menschen, die böse Meinungen vertreten, wird das Leben dieser bösen Menschen erschwert. Schließlich wird bei ihnen der Leidensdruck so groß, dass sie aufhören, böse Meinungen zu verbreiten oder überhaupt zu haben.”

(Auch für Zuschauer entsteht hier eine Wirkung: Sie sehen, was einem droht, wenn man böse Ansichten hat. Sie vermeiden somit schon im Voraus, böse Ansichten zu äußern oder über sie überhaupt erst nachzudenken.)

Beispiel: Jemand, der die Gleichwertigkeit homosexueller Lebensweisen bezweifelt, darf nicht mehr in seine Lieblingskneipe gehen. Dadurch wird sein Leben freudloser, er stellt somit seine Ansicht in Frage, ändert sie und kann schließlich nach ausreichend Reuebekundungen wieder in seine Lieblingskneipe. (Andere “Homophobe” haben währenddessen lieber erst ganz auf die Äußerung ihrer Haltung verzichtet.)

Gegenargumente:

Dieser Punkt begann sich schon mit der Urbanisierung zu verändern und erfährt durch das Internet nochmal einen weiteren Schub.

Wenn ich in einer Dorfgemeinschaft lebe, habe ich tatsächlich wenig Auswahl, meine lebensnotwendigen Bedürfnisse zu erfüllen. Wenn der Bäcker, der Arzt und der Schmied sich zusammentun und mich ausgrenzen, ist quasi mein Leben bedroht, zumindest aber massiv erschwert. Auch die potenziellen Partner für meine sozialen Bedürfnisse (Freunde, Sex- und Lebenspartner) sind äußerst begrenzt. Es ist also sehr riskant, es sich mit zu vielen zu verscherzen.

Als Stadtbewohner ist das schon anders. Es ist unwahrscheinlicher, dass sich sich alle Bäcker oder Ärzte zusammentun, da es eben mehr Leute sind, die alle von meiner Boshaftigkeit überzeugt sein müssen. In einer Großstadt ist das quasi vollends unwahrscheinlich.

Und so wie Bäcker und Ärzte, die meine physischen Bedürfnisse befriedigen, ersetzbarer geworden sind – so führt das Internet auch dazu, dass meine Bekannten und Freunde, die meine sozialen Bedürfnisse erfüllen, ersetzbarer werden. Natürlich mag der Bruch einer Freundschaft dennoch unangenehm und für vieler ein tragischer Verlust sein, aber die Folgen werden tragbarer. Es folgt dann eben nicht zwingend erst eine lange Periode Einsamkeit, bis man wieder jemanden seinesgleichen gefunden hat – dank Internet geht das heute viel schneller.

Aus dem Grund findet man wohl auch Konformismus häufiger auf dem Land, und Querdenker hat es schon immer eher in die Städte und Metropolen gezogen. (Das heißt übrigens nicht, dass es nicht auch in Großstädten Konformisten gibt – nur die Querdenker sind dort eben nicht allein.) Mit dem Internet wird das extremer: Es ist nicht nur eine Millionen-, sondern eine Milliarden-Metropole.

Das Drohpotenzial einer Ausgrenzung ist also dank des Internets viel geringer. Anknüpfend an den o.g. Satz kann man sagen: Egal, wie rassistisch, sexistisch oder menschenverachtend ich bin – im Internet finde ich immer jemanden anderes, der es auch ist.

“Menschen, die unter bösen Meinungen besonders leiden, kommen dank Tabus seltener in Situationen, in denen sie solche Meinungen mitkriegen – und dabei Leid erfahren müssen”

Beispiel: Wenn es ein Tabu ist, die Gleichwertigkeit homosexueller Lebensweisen in Frage zu stellen, bekommen Homosexuelle seltener das Gefühl, nicht gleichwertig zu sein.

Gegenargumente:

Mit diesem Punkt würde ich zunächst noch am ehesten mitgehen. Es mag tatsächlich sein, dass ein Tabu die regelmäßige Konfrontation mit einer bösen Meinung verringert oder zumindest kontrollierbarer macht: Wenn das Infragestellen homosexueller Lebensweisen ein Tabu ist, was nur in dunklen Internet-Foren stattfindet, dann begegne ich dem zumindest im normaler Alltag nicht, zumindest viel seltener. Wenn ich also unter dieser Infragestellung besonders leide, würde ich dank des Tabus seltener leiden.

Allerdings können Tabus keine zufriedenstellende Lösung gegen das Leiden sein. Schließlich gibt es viele Inhalte, die bei manchen Menschen leidvolle Situationen hervorrufen können: Jemand, der kürzlich sein Kind bei einem Amoklauf verloren hat, könnte durch die filmische Nachstellung oder die Nachricht über einen neuen Amoklauf leiden. Es wäre keine gute Lösung, die Thematisierung von Amokläufen nun komplett mit einem Tabu zu belegen.

An solchen Stellen wird heute oft schon mit sogenannten Triggerwarnungen gearbeitet: Man weist die Leser zu Beginn darauf hin, dass gleich eine Thematisierung kommt, die Leid verursachen kann. Das ist vom Prinzip her ein sinnvoller Ansatz: Nicht der Sender wird beschränkt, etwas überhaupt zu sagen; sondern es wird dem Empfänger überlassen, was er rezipieren möchte.

Diese Filtersouveränität ist also effektiver, um Menschen leidvolle Begegnungen mit bösen Meinungen (oder sonstigem “Leid-triggerndem”) zu ersparen.

Übrigens, genauso wie es Filtersouveränität geben sollte, sollte es auch so etwas wie “Beteiligungs-” oder “Sende-Souveränität” geben: Ob man seine Meinung äußert oder lieber für sich behält – ob man zB als Homosexueller Fragen über seine Lebensweise beantwortet – so etwas sollte natürlich jedem selbst überlassen sein. Das Verbot, eine Meinung zu äußern, sollte nicht im anderen Extrem zu einem Gebot werden.

Alternativen zu Tabus

Wenn also Tabus nicht mehr so wirkungsvoll sind, wir könnte man stattdessen mit bösen Meinungen umgehen? Ich sehe da im Prinzip zwei Strategien: Ignorieren und Aufklären.

Welche man davon wählt, sollte (neben dem eigenen Interesse, siehe “Sende-Souveränität”) vor allem davon abhängen, welche Relevanz die böse Meinung hat. Relevanz wiederum definiert sich darüber, ob eine bestimmte Anzahl an Menschen erreicht ist, die eine böse Meinung für gut befinden. Und diese “bestimmte Anzahl” kann auch variieren je nach Reichweite des eigenen Mediums, über das man senden kann.

Andere Faktoren, wie zB die Bösartigkeit der Meinung, sollten explizit keine Rolle spielen.

Ein Beispiel:

  • Angenommen, manche Menschen halten die Gleichwertigkeit von Rothaarigen für nicht gegeben. Sie finden stattdessen, Rothaarige sollte keine Rechte besitzen und anderen Menschen als Sklaven dienen. Die Meinung wird jedoch von kaum jemandem geteilt.
    Zweifelsohne ist diese Meinung menschenverachtend. Dennoch wäre hier Ignorieren ein sinnvoller Umgang damit. Denn eine detailreiche Thematisierung und Aufklärung, insbesondere in einem Reichweiten-starken Medium, würde dieser Meinung nur eine falsche Relevanz zuschreiben.
  • Angenommen aber, diese Meinung würde von vielen Menschen geteilt werden: Mehr als 30% würden bezweifeln, dass Rothaarige volle Menschen- und Bürgerrechte haben sollten.
    Hier wären sicher Thematisierung und Aufklärung sinnvoll, ja sogar sehr wichtig. Denn keine Aufklärung würde bedeuten, dass sich mögliche Fehlannahmen über Rothaarige unwidersprochen verbreiten könnten.

Der Verzicht auf Tabus bedeutet also nicht den Verzicht auf Kritik. Ganz im Gegenteil: Der Verzicht auf die Tabuisierung einer bösen Meinung kann sogar die Kritik daran vereinfachen oder gar erst richtig ermöglichen: Denn um eine These zu kritisieren, muss man sie erst einmal darstellen. Je ausführlicher man das tun kann, auch indem eben die Vertreter der These selbst zu Wort kommen, desto originalgetreuer ist diese Darstellung und somit desto zielgenauer, detailreicher, tiefergehender und damit auch überzeugender die Kritik.

Rowan “Mr. Bean” Atkinson hat das übrigens noch besser formuliert, ihm überlasse ich das Schlusswort:

‘I am not intolerant’, say many people; say many softly spoken, highly-educated, liberal-minded people: ‘I am only intolerant of intolerance’. […] if you think about this supposedly inarguable statement for longer than five seconds, you realize that all it is advocating is the replacement of one kind of intolerance with another. Which to me doesn’t represent any kind of progress at all.

Underlying prejudices, injustices or resentments are not addressed by arresting people: they are addressed by the issues being aired, argued and dealt with preferably outside the legislative process. For me, the best way to increase society’s resistance to insulting or offensive speech is to allow a lot more of it. As with childhood diseases, you can better resist those germs to which you have been exposed.

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Und nochmal Piraten-Liste / Selbstverpflichtung

In einem weiterem Kommentar zum Artikel Berliner Piraten-Liste ohne “Feministen-Stimmen” kritisiert Eric meine Schlußfolgerung, auch ohne Selbstverpflichtung bliebe die Top3 wohl weiblich:

Du vergisst leider die Möglichkeit, dass die Selbstverpflichtung und die Diskussionen darüber das Wahlverhalten auch derjenigen beeinflusst hat, die trotzdem keine vier Frauen auf die ersten vier Plätze gewählt haben. Sowie auch (wie LeV schon schreibt) den möglichen Einfluss vor der Wahl, nämlich auf die Bereitschaft überhaupt erst zu kandidieren.

Deine Schlussfolgerung “Es sieht ganz danach aus, dass wir auch ohne die Selbstverpflichtung einiger Piraten, 4 Frauen nach vorne zu wählen, 3 weibliche Spitzenkandidaten hätten.” ist daher absolut nicht valide. Wenn Du wirklich etwas wissen willst, musst Du die Leute befragen.

Das mit dem Leute befragen fand ich tatsächlich eine gute Idee. Ich habe das mal gemacht und erhielt via Twitter folgende Antworten:

Zumindest unsere Spitzenkandidatinnen hätte also eine fehlende Selbstverpflichtung nicht von der Kandidatur abgehalten.

Ich finde, es ist auch sinnvoll zu trennen zwischen einerseits dem Ziel, ein angenehmes Klima zu schaffen, in dem sich viele gute Frauen zu einer Kandidatur entscheiden und anderseits dem Ziel, nachher eine Liste mit vielen guten Frauen zu haben. Das eine will die Chancengleichheit (verbessern), das zweite Ergebnisgleichheit.

Ich denke, dass Ergebnisgleichheit ein seltsames Ziel für eine liberale Partei wäre, Chancengleichheit hingegen eine ziemlich gute und wichtige Sache ist. Und alle Zahlenspielereien weisen ja daraufhin, dass die kandidierenden, guten Frauen dann auch von allen – und nicht nur bewusst feministisch engagierten – gewählt wurden. Wenn also gute Leute kandidieren, werden sie – egal welchen Geschlechts sie sind – offenbar auch gewählt.

Sinnvoll ist also, herauszufinden, was gute Frauen (bzw. Menschen allgemein) dazu bewegt zu kandidieren – und auch, was sie davon abhält. Und da hab ich mich vor einigen Tagen diesen Artikel erinnert, in dem die JSConf beschrieb, wie sie den Anteil ihrer weiblichen Speaker wesentlich erhöhte:

The ingredients are as simple as they are obvious:

  1. Open an inviting call for presentations (CFP).
  2. Select talks anonymously, and state in the CFP that you do so.
  3. Encourage people from under-represented groups to submit to the CFP.

Sie haben also einerseits direkt Frauen ermutigt, einen Vortrag einzureichen und gleichzeitigt angekündigt, einen anonymen Auswahlprozess zu machen – also das Geschlecht bewusst nicht zu berücksichtigen. Warum, das haben sie so begründet:

More importantly: if you are going around asking people to speak at your event and they are generally under-represented at your event (say, women at a tech conference), you need to avoid treating them in a special way. Nobody wants to be invited to speak because of their gender, or skin colour, or sexual orientation, or whatever else. Nobody likes special treatment. Nobody likes to be the token-representative.

Ein sinnvoller Gedankengang, finde ich. Es könnte also sein, dass Selbstverpflichtungen, wo Wähler ankündigen, das Geschlecht beim Wählen bewusst zu berücksichtigen, nicht nur ermutigen, sondern auch Leute vom kandidieren abhalten (– so gut diese Selbstverpflichtungen auch gemeint sein mögen).

Berliner Piraten-Liste ohne “Feministen-Stimmen”

Am vergangenen Wochenende haben die Berliner Piraten ihre Kandidatenliste für die kommende Bundestagswahl gewählt. Für viele überraschend daran war, dass auf die ersten vier Plätze nur Frauen gewählt wurden, und auf der Liste insgesamt 8 von 14 Frauen stehen, was einen Frauenanteil von 57% ausmacht. Und das ohne eine Frauenquote.

Daraufhin gab es einzelne Stimmen, diese Frauen seien nur wegen ihres Geschlechts gewählt worden, dank einer “Quote im Kopf” sozusagen. Und so ganz unbegründet ist der Verdacht nicht: Vor der Wahl gaben 34 Piraten eine “Selbstverpflichtung” ab, auf die ersten 4 Plätze nur Frauen zu wählen.

Ich fand diesen Verdacht jedoch schon beim ersten Hören nicht überzeugend. Ich halte selber wenig von Geschlechterquoten und hatte versucht, mit dem Geschlecht der Kandidaten so umzugehen wie mit deren Hautfarbe, sexueller Orientierung etc.: Es nämlich nicht bewusst zu beachten, anstatt es zu beachten. Dennoch kam ich bei meinem eigenen Stimmzettel auf 40% Frauen im Ja-Bereich und sogar 60% in meiner Top 5 – was überdurchschnittlich war, bei nur 28% Frauen unter allen Kandidaten.

Aber ich empfand die Auswahl eben so. Es gab für mich einfach mehr kompetente Kandidatinnen als Kandidaten.

Ich vermutete nun, dass da auch anderen Wählern so ging. Und das schöne an unserem Schulze-Wahlverfahren ist, dass nachher alle Stimmzettel einzeln digital vorliegen. Man muss also gar nicht groß spekulieren, sondern kann selber direkt mit den Daten herumspielen.

Ich wollte also wissen, auf welches Ergebnis man kommt, wenn man die Stimmen der “Selbstverplichtungs-Piraten” nicht berücksichtigt. Dazu habe ich alle Wahlzettel herausgenommen, auf deren vorderen Präferenzstufen mindestens 4 Frauen und kein Mann angekreuzt waren. Das sind genau 56 Wahlzettel.1

Mit den übrigen 247 Stimmzetteln habe ich dann das Ergebnis neu berechnet. Und so hätte diese Liste ausgesehen (in Klammern die Plazierung auf der Original-Liste):

  1. Cornelia Otto (1)
  2. Miriam Seyffarth (2)
  3. Lena Rohrbach (3)
  4. Andreas Pittrich (5)
  5. Ulrike Pohl (4)
  6. Jan Hemme (7)
  7. Laura Dornheim (6)
  8. Anisa Fliegner (8)
  9. Enno Lenze (9)
  10. Michael Melter (12)
  11. Stephan Urbach (11)
  12. Daniel Schweighöfer (14)
  13. Dr. Jens Kuhlemann (nicht gewählt, Schulze-Rang 17)
  14. Heide Hagen (10)

Die wesentlichste Änderung: Aus der weiblichen Top4 wäre eine weibliche Top3 geworden, sonst gäbe es ein paar Verschiebungen um 1 oder 2 Plätze. Mareike Peter wäre nicht mehr dabei, dafür Jens Kuhlemann drin. Der Frauenanteil der gesamten Liste wäre also nur von 57% auf 50% gesunken.

Und so hätten die Präferenzprofile der ersten 3 ausgesehen:

stimmenprofil-praeferenzwahl-avb13-12stimmenprofil-praeferenzwahl-avb13-44stimmenprofil-praeferenzwahl-avb13-27

Auch hier also keine wesentliche Veränderung zum Original.

Kurzum: Es sieht ganz danach aus, dass wir auch ohne die Selbstverpflichtung einiger Piraten, 4 Frauen nach vorne zu wählen, 3 weibliche Spitzenkandidaten hätten.

Anhang:

1 Es kann natürlich auch Wähler gegeben haben, die aus anderen Gründen als der Selbstverpflichtung 4 Frauen und keinen Mann nach vorne gewählt haben. Diese “False Positives” würden sich aber zu Ungunsten des Frauenanteils auswirken. Trotzdem bleibt der Frauenanteil aber hoch.

Nachtrag 3.3.: Berliner Piraten-Top3 bleibt weiblich, selbst wenn …

Safe-Spaces – dynamisch vs. universell

Der interessanteste und schönste Artikel, den ich rund um die Umgangsformen und deren Kritik beim 29C3 gelesen haben, war der von Sam Becker. Sam ist Autistin und machte sich schon vor dem Congress Sorgen:

Schon ein paar Tage vor dem Congress zeichnete es sich ab, dass ich doch ganz große Angst hatte mich nicht gut mitteilen zu können und meine sehr niedrigen Grenzen nicht deutlich genug machen zu können. Daher musste ich mich mit meinem Freund darüber unterhalten.

Ich erklärte ihm, ich hätte große Angst, dass mir jemand bei den Unterhaltungen die Hand geben würde, oder aber mein komisches Verhalten falsch verstehen könnte.

Da ich in Stress-Situationen leider manchmal völlig überfordert reagiere, musste eine Lösung her bei der ich nicht gezwungenermaßen kommunizieren musste und trotzdem wild fremde Menschen mein Anliegen verstanden. Und dies möglichst ohne das mein Partner ständig mich erklären muss.

Daraufhin hat ihr Freund ein T-Shirt für sie entworfen:tshirt-dont-touch

Ganz unten steht:

Show me, talk to me, bear with me,
but please:
DON’T TOUCH!!!!

Die Erfahrungen, die sie dann damit gemacht hat, waren offenbar durchweg positiv und es lohnt sich, sie zu lesen.

Ich fand die Idee unheimlich interessant und hatte sie kommentiert mit

Sehr coole Idee: Transparente Kommunikation der eigenen Bedürfnisse. Könnten man ja in Zukunft vllt. auch digital bereitstellen und dann per Bluetooth in die Google-Brille des Anderen automatisch übertragen.

Das Interessante ist, dass das Shirt einem grundlegend anderen Ansatz folgt bei der Frage, wie man verhindert, dass Menschen Handlungen begehen, die andere stören. Gewöhnlich nehme ich da nämlich dieses Prinzip wahr:

Handlung X stört manche Menschen, außerdem ist X sexistisch / rassistisch / homphob / ableistisch / transphob, daher sollten alle aufhören, X zu tun, auch untereinander.

In Debatten mit Menschen mit dieser Prämisse geht es dann darum, möglichst alle X zu identifizieren. So kann man dann eine möglichst umfassende Menge an Handlungen gewinnen, die man dann für unerwünscht erklärt.

Die Logik dahinter ist auf den ersten Blick auch bestechend einfach: Wenn niemand mehr etwas tut, was jemand anderen stören könnte, fühlt sich niemand mehr gestört.

Das Problem ist nur: Man kann sich ja auch davon gestört fühlen, wenn andere etwas nicht tun. Während Sam eben Berührungen nicht möchte, habe ich schon oft Südeuropäer und Südamerikaner getroffen, denen der Umgang in Deutschland zu “kalt” sein, weil eben auch Berührungen fehlen.

Ebenso kann man sich auch davon gestört fühlen, etwas nicht tun zu können. So kann es z.B. störend sein, wenn man sich in einem bestimmten Raum mit seinem Partner nicht küssen darf (weil das wiederum jemand anderes stören würde).

Ein Raum also, in dem sich alle wohlfühlen, der niemanden diskriminiert (sozusagen der universale Safe-Space) ist somit vielleicht gar nicht erreichbar.

Aber den muss es ja womöglich auch gar nicht geben. Es reicht ja zu wissen, wo meine Safe-Spaces sind bzw. wie ich sie mir produziere: Denn Spaces können ja auch sehr dynamisch sein. Ein Raum, in dem bestimmte Handlungen / Äußerungen erwünscht sind und andere nicht, kann ja auch einfach durch die Wünsche und deren Kommunikation der Anwesenden definiert werden und spontan entstehen.

Wir kennen das vielleicht, wenn jemand anfängt, von etwas Ekligem zu erzählen und wir darum bitten, damit aufzuhören, weil wir gerade gegessen haben. Fortan ist dann “von Ekligem erzählen” eine unerwünschte Handlung. Aber auch nur solange, wie wir da sind. Und wir kämen nicht auf die Idee, “von Ekligem erzählen” grundsätzlich für unerwünscht zu erklären.

Und Sams T-Shirt zeigt eindrucksvoll, dass das auch beim Handgeben funktionieren kann – einer verbreiteten Handlung unter Unbekannten, die so akzeptiert ist, dass sie vermutlich nicht mal Awareness-geschulte Menschen problematisch sehen würden.

Das Shirt folgt auch dem viel einfacheren und einleuchtenderen Prinzip:

Mich stört X, deshalb tut bitte X nicht mit mir / in meiner Gegenwart.

Und es kommuniziert dieses X effektiv.

Ich glaube, genau diese Kommunikation wird die Herausforderung in der Zukunft sein. Denn bislang können wir ja häufig noch gut erraten, welche X andere stören – weil wir uns häufig in ähnlichen Gruppen bewegen bzw. mit Menschen aus den gleichen Kulturen zu tun haben. Das aber nimmt ab und wird noch mehr abnehmen (Stichwort Globalisierung), häufiger werden wir unterschiedlichen Menschen zu tun haben, also auch mehr kommunizieren müssen. Und vielleicht wird das irgendwann so komplex, dass uns wirklich die Google-Brille unterstützen muss.

Woran erkennt man, dass keine Diskriminierung vorliegt?

Vorneweg: Ich war nicht auf dem 29C3 – das folgende basiert also auf dem, was ich währenddessen und nachher drüber gelesen hab.

Ein zentrales Thema war offenbar sexistische Diskriminierung und der Umgang damit. Die Diskussion darüber hatte mich heute zu diesem Tweet inspiriert:

Mich hat das ganze nämlich an frühere Diskussionen über Diskriminierung bei den Piraten erinnert: Es herrscht immer große Einigkeit darüber, dass Diskriminierung schlecht und zu bekämpfen sei, aber offenbar kaum darüber, was Diskriminierung ist.

Und das ist ziemlich unpraktisch. Wenn man ein Ziel erreichen will, sollte man ja zuerst definieren, woran man erkennen kann, dass man das Ziel erreicht hat. Wenn man also einen Congress ohne (oder erstmal mit weniger) Diskriminierung haben will, sollte man irgendwie definieren, wie ein Congress ohne oder mit weniger Diskriminierung aussieht.

Und das ist wohl gar nicht so einfach. Spontan könnte man sagen, es solle sich niemand belästigt fühlen. Aber wovon sich Menschen belästigt fühlen, ist offenbar verschieden:





Manche finden diskriminierend, wenn Geschlecht nicht thematisiert wird; andere, wenn es thematisiert wird. Bei noch anderen kommt es aufs Wie drauf an. Wiederum andere meinen, Diskriminierung an einer Geschlechter-Asymmetrie der Besucher ablesen zu können: Wenn es wenig Frauen sind, muss es offenbar ein Problem geben. (Seltsamerweise gilt aber Alters-Asymmetrie irgendwie nicht als Problem, jedenfalls habe ich noch keine Kritik gesehen, die sich an zu wenig Besuchern im Senioren-Alter gestört hat.)

Daher halte ich es wirklich für sinnvoll, hier erstmal das Ziel zu formulieren. Gilt der Congress als diskriminierungsfrei, wenn sich niemand beschwert, belästigt worden zu sein? Wenn sich niemand beschwert – außer, es ist eine Antifeministin? Wenn er von genauso vielen Männern wie Frauen besucht wird? Wenn er von genauso vielen 20- wie 60jährigen besucht wird?

Vielleicht ergeben sich dann ja auch einander ausschließende Ziele, die man gegeneinander abwägen muss: Ein Klima, in dem möglichst ausgeschlossen ist, dass niemand durch einen Witz oder eine Bemerkung belästigt wird, ist wohl gleichzeitig auch ein Klima, in dem man sehr darauf achten muss, was man sagt. Letzteres wiederum könnten manche als störend empfinden – und sich ausgeschlossen fühlen.

Sicher ist jedenfalls: Erst mit einem formulierten Ziel kann man die richtigen Mittel finden, um es zu erreichen.

“Gleiche Bedingungen für jedes Kind!”

Oder: Wenn alle Kinder ins Heim müssen

Ich hab mich neulich mit jemandem aus Absurdistan unterhalten. Es ging um die merkwürdige Praxis dort, dass sie die Kinder gleich nach der Geburt von ihren Eltern wegnehmen und in staatlichen Heimen aufwachsen lassen. Dort können die Kinder zwar von den Eltern besucht werden, aber schlafen, essen, spielen usw. müssen sie alles im Heim machen, unter Aufsicht von gut ausgebildetem Personal.

Das gilt auch pauschal für alle Kinder, Ausnahmen sind nur möglich, wenn die Eltern ein privates Heim finden, das aber in der Qualität der Spielzeuge, der Ernährung und des Personals nicht zurückstehen darf. Dann kann das Kind auch in das private Heim gehen. Zu Hause leben ist aber tabu.

Ich fand das eine ziemlich harsche Regelung und fragte, warum man das so macht. “Ganz klar, es geht um Chancengleichheit!” antwortete mir mein Gegenüber. “Jedes Kind soll unabhängig von seinem Elternhaus die gleichen Bedingungen haben beim Aufwachsen. In den Heimen bieten wir jedem Kind eine gute Ernährung und pädagogisch-wertvolle Spielzeuge unter professioneller Aufsicht, so dass kein Kind zurückbleibt.”

“Ja gut”, entgegnete ich, “aber was ist, wenn es einem Kind im Heim nicht gefällt?”

“Für solche Kinder haben wir besondere Heime, in denen wir auf ihre besonderen Bedürfnisse eingehen. Sie kriegen andere Spielzeuge und dürfen auch öfter ihre Eltern sehen. Zudem werden sie therapeutisch begleitet, damit sie irgendwann wieder in den normalen Heimen leben können.

Und überhaupt: Nachmittags können die Kids ja auch rausgehen, bei Geburtstagen oder anderen Familienfesten kriegen sie auch schon mal den ganzen Tag frei. Und es gibt Heimurlaub ein paar Mal im Jahr, dann können sie mit ihren Eltern auch mal wegfahren.”

Ich fand das nicht befriedigend. “Warum könnten denn nicht einfach die Kinder in den Heimen leben, denen es dort gefällt; und die anderen leben bei ihren Eltern, wenn es ihnen da besser gefällt?”, fragte ich vorsichtig.

“Woher sollen denn Kinder bitteschön wissen, wo sie leben wollen?”, antwortete mir mein Gesprächspartner empört. “Das können sie doch gar nicht frei entscheiden, ja nicht mal ausdrücken als Babies! Ich dagegen verstehe eher nicht, wie ihr in Deutschland einfach Neugeborene an ihre Eltern aushändigen könnt. Woher wisst ihr denn, ob die sich mit frühkindlicher Entwicklung auskennen? Oder mit gesunder Ernährung? Sind nicht viele Kinder bei Euch übergewichtig? Und wie schützt ihr sie vor Isolation und Indoktrination bei religiös-fanatischen Eltern? Die die Kinder dann einfach nicht aus dem Haus lassen. Oder vor Vernachlässigung? Sind davon nicht sogar schon Kleinkinder qualvoll verhungert?!”

Darauf fiel erstmal nichts ein. Mir kam zwar irgendwas in den Sinn mit Freiheit, die man nur mit guten Gründen und nicht pauschal einschränken sollte; und dass es mit Freiheit nie absolute Sicherheit geben kann, aber die konkreten Einwände waren einfach zu plastisch. Und was sollte ich schon gegen den Schutz von Kindern sagen?

“Mit unserem Heimen bieten wir allen Kinder Plattformneutralität” rundete meine Gegenpart ab. “Klar, es gefällt vielleicht nicht jedem, aber dafür geht es allein gleich. Nur mit den Heimen können wir gleiche Bedingungen für jedes Kind herstellen, unabhängig davon, ob es reiche, arme, bildungsnahe, bildungsferne, religiöse oder aufgeklärte Eltern hat. Und gerade die neuesten Erkenntnisse zu frühkindlicher Entwicklung bestätigen uns, wie wichtig bereits die Einflüsse im Kleinkindalter sind.”

Zur diesem fiktiven Gespräch wurde ich inspiriert durch viele, ganz reale Diskussionen zum Thema Schufpflicht, Bildungspflicht und Bildungsrecht in den letzten Jahren; und erst neulich wieder bei den Berliner Piraten, die am vorletzten Sonntag die Ersetzung der Schulpflicht durch eine Bildungspflicht beschlossen haben.

Re: 3 (Piraten-)Missverständnisse zur Frauenquote

Im Piraten-LiquidFeedback wird gerade wieder die Frauenquote in der Wirtschaft diskutiert und ein in dem Kontext häufig verlinkter Artikel ist 3 (Piraten-)Missverständnisse zur Frauenquote. Er geht auf 3 Argumente ein, die in Piraten-Quoten-Diskussionen häufig vorkommen und zu diesem Artikel hab ich jetzt mal eine Replik geschrieben.

1) “Die Frauenquote ist abzulehnen, weil Jobs, Posten und Ämter nach Qualifikation und nicht nach Geschlecht vergeben werden sollten.”

Erstens: Die sogenannte „absolute Quote“, bei der auch weniger qualifizierte Frauen eingestellt werden müssten, steht politisch derzeit nicht zur Debatte. Stattdessen wird über die „relative Quote“ diskutiert. Bei dieser werden Frauen bei gleicher Qualifikation so lange bevorzugt eingestellt, bis die Quote (z.B. 30%) erfüllt ist. Ist die Bewerberin weniger qualifiziert als der Bewerber, kommt die Quotenregel also ohnehin nicht zur Anwendung.

Schaut man sich die Gesetzesentwürfe der Grünen und der SPD für Aufsichtsräte an, wie sie bei der ersten Lesung am 2.12.2011 im Bundestag debattiert wurden, unterschieden diese nicht zwischen einer “absoluten” und “relativen” Quote, sie nennen auch nicht “gleiche Qualifikation” als Bedingung für die Anwendung der Quote. Vielmehr nennen sie feste Prozentzahlen, die die Unternehmen ab einem bestimmten Zeitpunkt zu erfüllen haben.

Die besprochenen Gesetzesentwürfe entsprechen also einer “absoluten” Quote, die nicht die Qualifikation extra betrachtet.

Zudem wäre es – selbst wenn die Quote eine “gleiche Qualifikation” voraussetzen würde – fraglich, wie diese gemessen werden soll:

Eine Untersuchung in Norwegen, das Anfang 2008 eine Frauenquote für Aufsichtsräte von großzügigen 40 Prozent (in Deutschland werden meist 30 Prozent für Vorstände vorgeschlagen) einführte, zeigte, dass die erst durch die Quote (!) zwangsweise (!) aufgenommenen Frauen durchschnittlich höhere (!) Qualifikationen besaßen als ihre männlichen Kollegen (die Qualifikation wurde anhand der Bildung gemessen).

Da die verlinkte Untersuchung oben auf Norwegisch ist, habe ich in diese englischsprachige Zusammenfassung (PDF) geschaut:

Female board members are generally younger than the men, and their educational level is somewhat higher. […] while 36 per cent of female board members had a university education lasting six years or more, this was true of only 22 per cent of male board members.

Die Qualifikation wurde also mit dem Ausbildungsniveau gemessen, also ob und wie lange das Vorstandsmitglied eine Universität besucht hat. Ich finde es zweifelhaft, für einen so komplexe Tätigkeit wie die Vorstandsarbeit in einem DAX-Konzern das Diplomzeugnis aus dem Studium heranzuziehen, um die Qualifikation zu beurteilen – gerade wenn der Studienabschluss mehr als 10 Jahre zurück liegt.

Um mal einen zu Piratenkreisen passenden Vergleich anzubringen: Man würde bei Einstellung von Software-Entwicklern eher nicht Bachelor-Note als entscheidendes Kriterium nehmen, und das umso weniger, je länger sie zurück liegt. Es wäre an sich auch eher schwer, überhaupt von messbarer “gleicher Qualifikation” sprechen zu können. Weitere Argumente in diese Richtung bringt der Artikel Gibt es „gleiche Qualifikation“?.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich behaupte nicht, dass heute ohne Quote allein nach Qualifikation eingestellt wird. Ich sehe nur keinen Beleg für die Annahme, dass mit Quote mehr nach Qualifikation eingestellt wird.

2 “Gegen die Frauenquote zu sein, entspricht dem geschlechter- und familienpolitischen Programm der Piratenpartei”

Die Diskussion wie die Umsetzung einer Quote erfordern die Kategorisierung von Menschen in binäre Geschlechterschubladen und stärken damit Geschlecht als Einordnungsmechanismus. Wer mit Alltagsvokabular über die Frauenquote diskutiert (wie ich es hier tue, shame on me) oder an der Umsetzung einer Quote beteiligt ist, übt die Einordnung von Menschen aktiv ein und betrachtet sie wesentlich als Repräsentant_innen ihres vorgeblichen Geschlechts. Eine Frauenquote beseitigt also keine Schubladen, sondern stärkt sie eher – allerdings werden die Schubladen mit ihr bunter und größer und damit weniger unangenehm für diejenigen, die hineingesteckt werden.

Ich finde auch, dass Quoten Geschlechterschubladen eher verstärken – ein deutliches Argument gegen die Quote also. Aber werden diese Schuladen dann tatsächlich “bunter und größer”?

Interessant ist hier z.B. dieser Einleitungstext der von Bundes-Bildungsministerium herausgegebenen Broschüre Frauenkarrieren in Unternehmen (PDF):

Die berühmte Gehirnforscherin Louann Brizendine hat in ihren Untersuchungen festgestellt, dass die Gehirne der beiden Geschlechter auch unterschiedlich arbeiten. Während Frauen sich auf mehrere Aspekte konzentrieren, arbeiten Männergehirne fokussierter. Nach Brizendine braucht ein Unternehmen beide Denkweisen, um erfolgreich zu sein.

Hier wird also ganz grundlegend biologistisch argumentiert und man müsste doch eigentlich “sexistische Kackscheiße” dazwischenrufen. Noch krasser ist es im Transkript dieses TV-Beitrags nachzulesen, in dem es um die Frauenquote auf Wahllisten in Polen geht: Jedes Statement bedient hier ein sexistisches Klischee.

Ich halte es durchaus für möglich, dass gerade eine durch Gesetz institutionalisierte Geschlechtertrennung dazu führt, dass Frauen und Männer stärker auf Ihre Rollenbilder festgelegt werden: “Ihr seid jetzt hier die Frauen im Vorstand, macht das doch mal mit der Sozialkompetenz und Firmenkultur, das können ja eure Gehirne besser.”

Sicher, das ist Spekulation. Aber eben genau wie die Annahme, eine Quote führe zur Dekonstruktion von Rollenbildern.

Wichtig ist auch folgender Satz unseres Parteiprogramms: „Gesellschaftsstrukturen, die sich aus Geschlechterrollenbildern ergeben, werden dem Individuum nicht gerecht und müssen überwunden werden.“ Als politische Partei haben wir uns damit einen konkreten Handlungsauftrag gegeben. So lange Geschlechterrollenbilder derart wirkmächtig sind, ist es nicht damit getan, sie schlicht zu ignorieren.

Quoten abzulehnen heißt nicht, Diskriminierungen zu ignorieren, sondern sie nur mit anderen Mitteln zu bekämpfen. Ich finde es reichlich unfair, Quotengegnern pauschal zu unterstellen, sie wollen sonst nichts tun.

Man könnte stattdessen auch sagen, es ist gerade die Quote, die Diskriminierungen ignoriert. Sie tut so, als genüge es, für ein ausgeglichenes Verhältnis zu sorgen, und schon verschwinden die Einschränkungen automatisch.

Und es stimmt, dass wir uns im Programm einen Handlungsauftrag gegeben haben. Es heißt aber nicht, dass damit alle Mittel zulässig sind. Um es mal polemisch auszudrücken: Ich würde es nicht vom Parteiprogramm gedeckt halten, Sexisten öffentlich auszupeitschen – selbst wenn es nachweislich dazu beitragen würde, sexistische Diskriminierung zu bekämpfen .

Ein Mittel darf eben nicht seinem Ziel oder anderen Grundsätzen widersprechen. Wenn das Ziel ist, dass das Geschlecht bei der Einstellung keine Rolle spielen soll, dann kann man nicht ein Mittel anwenden, dass das Geschlecht bei der Einstellung eine Rolle spielen lässt.

Wichtig ist auch folgender Satz unseres Parteiprogramms:

Fremdbestimmte Zuordnungen zu einem Geschlecht oder zu Geschlechterrollen lehnen wir ab.

In den Gesetzentwürfen von SPD und Grünen wird nach Geschlecht unterschieden. Es wird nicht davon gesprochen, dass man sich selbst als Mann oder Frau einordnen kann. Menschen werden also fremdbestimmt zu einem Geschlecht zugeordnet. Die im Bundestag diskutierten Quotengesetze widersprechen also dem Piraten-Parteiprogramm.

(Hinweis: Die derzeit im LF vorgeschlagene Quoten-Ini nimmt das selbstbestimmte Geschlecht als Grundlage und ist damit an dieser Stelle piratenkompatibel. Hier würde mich allerdings sehr interessieren, was die anderen Quotenbefürworter von SPD und Grünen davon halten.)

3 “Die Frauenquote diskriminiert Männer”

In einer prägnanten juristischen Stellungnahme heißt es: „Eine gesetzliche Frauenquote (…) ist verfassungsrechtlich zulässig, wenn sie vorsieht, dass weibliche Bewerber bei gleicher Qualifikation gegenüber männlichen Bewerbern so lange Vorrang genießen, bis das verfassungsrechtliche (Art. 3 Abs. 2 Satz 1 und 2 GG) und unionsrechtliche (Art. 23 Abs. 1 Charta der Grundrechte der Europäischen Union – GRC) Ziel der Gleichberechtigung von Männern und Frauen errreicht ist (relative Frauenquote).“

Auch hier wird wieder zwischen relativer und absoluter Quote unterschieden, was die im Bundestag disktutierten Gesetzentwürfe aber nicht tun. Unklar bleibt auch, wann das “Ziel der Gleichberechtigung” erreicht ist. Wenn Gleichverteilung erreicht wurde? Ich glaube, das ist eines der zentralen Missverständnisse in der Debatte, dazu unten mehr.

Pro-Argumentierende könnten hingegen einwenden, dass es insgesamt so wenig Diskriminierung wie möglich geben solle. Es sei daher gerechtfertigt, über ein oder zwei Generationen hinweg in einigen Fällen zu diskriminieren, wenn so für die gesamte Zukunft (oder jedenfalls eine lange Episode der menschlichen Geschichte) Gerechtigkeit und damit Diskriminierungsfreiheit für beide Geschlechter erreicht werden könnte.

Das Interessante an dieser Stelle ist, dass hier ein Zeitlimit genannt wird – “ein oder zwei Generationen”. Dieses Zeitlimit fehlt in den diskutierten Gesetzentwürfen, es wird auch keine “Abbruchbedingung” genannt. Schaut man sich viele schon bestehende Quotenregelungen an, wie z.B. für Parteiämter und Mandate bei den Grünen und der SPD, dann bestehen diese schon seit mehr als 20 Jahren, ohne dass es inzwischen öffentliche Überlegungen gäbe, diese wieder abzuschaffen. Im Gegenteil: Die Quote in der SPD, 1988 mit einem Zeitlimit von 25 Jahren eingeführt, wurde 2003 auf unbegrenzte Zeit verlängert.

Ob also eine Quotenregelung tatsächlich nur ein oder zwei Generationen bestehen würde, ist nicht gesagt und die bisher allgemein bekannten Beispiele sprechen eher dagegen.

Gleiche Möglichkeiten, nicht gleiche Entscheidungen

Ich glaube, das zentrale Problem an der Debatte um die Quote ist, was denn eigentlich ihr Ziel sein soll und, vor allem, wie man sein Erreichen messen könnte. Und erst, wenn man sich beim Ziel einig ist, macht es Sinn, nach passenden Mitteln zu suchen.

Die LF-Initiativen formulieren Chancengleichheit als Ziel. Kann man Chancengleichheit mit Gleichheit messen? Die gesetzliche Quote tut genau das: Erst wenn (nahezu) soviele Frauen wie Männer in Vorständen sitzen, könne Diskriminierung ausgeschlossen werden. Das impliziert aber, dass Frauen (im Durchschnitt) die gleichen Lebens- und Karrierepläne haben wie Männer. Kann man das zweifelsfrei annehmen?

Schaut man sich die Ausbildungs- und Studienplatzwahl an, so findet man schon dort große Unterschiede. An der Stelle höre ich dann oft, dass auch das bereits ein Ergebnis des Sexismus in der Gesellschaft sei, und dass man an der Überwindung dieser Unterschiede arbeiten muss; dass also Frauen und Männer im Schnitt die gleichen Lebens- und Karrierepläne haben sollten.

Und hier frage ich mich dann, ob ich noch mit einem Mitglied einer liberalen Partei spreche.

Wenn wir eine Partei für die individuelle Freiheit sein wollen, dann sollten wir das Individuum ernst nehmen. Wir sollten davon ausgehen, dass die Menschen schon ganz gut wissen, was sie wollen. Und das sollten wir erstmal respektieren.

Daher sollte das Ziel sein, allen Menschen die gleichen Möglichkeiten zu geben – aber eben nicht, alle Menschen zu den gleichen Entscheidungen zu bringen.

Genau das aber tut die Quote: Sie wäre mit ihrer erzwungenen Gleichverteilung zwischen Männern und Frauen nur dann gerecht, wenn Männer und Frauen die gleichen Entscheidungen treffen würden.