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Warum man den Namen des Germanwings-Piloten nennen darf

Das, was nach bisherigen Erkenntnissen beim Germanwings-Flug 9525 passiert ist, war ein Amoklauf: Der Co-Pilot hatte die klare Absicht, sich selbst und viele andere Menschen zu töten. Der journalistischen Umgang mit Informationen über ihn sollte daher der gleiche sein wie bei einem Amokläufer.

Gewöhnlich wird der Name eines Amokläufers veröffentlicht, er obliegt keinem besonderen Persönlichkeitsschutz. Das gleiche sollte auch hier gelten.

Viele kritisieren nun die Veröffentlichung des Namens. Sie führen im Wesentlichen zwei Argumente an:

  1. Mit Veröffentlichung des Namens wird die Familie des Co-Piloten “hereingezogen”, die aber nichts dafür kann.
  2. Die Information über den Namen hat keinen Mehrwert.

Zu 1) Wer Angehörige des Co-Piloten mitverantwortlich macht oder irgendwie belästigt, handelt tatsächlich falsch. Wer das tut, sollte kritisiert und zur Zurückhaltung aufgerufen werden.

Das würde aber auch gelten bei Angehörigen eines Amokläufers, Mörders oder eines Politikers, durch dessen Entscheidung viele Menschen umkamen. Daraus würde man jedoch nicht schließen, dass man deshalb nicht die Namen dieser Menschen veröffentlichen sollte.

Zu 2) Die Information über den Namen hat den gleichen Mehrwert wie die über einen Amokläufer, Mörder oder Politiker, durch dessen Entscheidung viele Menschen umkommen.

Der Pilot ist ja hier die wesentliche Ursache des Absturzes. Anders als bei einem Unfall mit menschlichem Versagen gab es hier einen klaren Vorsatz. Die Erklärung für dieses Vorsatz liegt allein in der Person des Co-Piloten. Um den Absturz also zu verstehen, muss man sich in diesem Fall die persönlichen Hintergründen des Piloten beschäftigen.

Man kann auch eine Abstufung am Interesse an der Person erkennen: Ist es bei einem tragischen Unfall, bei dem alle Beteiligten sich noch “korrekt”, also entsprechend aller Vorschriften, verhalten haben, eher gering, so ist es bei einem durch grobe Fahrlässigkeit verursachten Unfall schon größer. Besonders groß ist es wie hier, wenn volle Absicht vorliegt. Man sieht: Das Interesse steigt mir der persönlichen Verantwortung.

Das Interesse an seiner Person ist hier auch hoch, weil in ihn als Piloten ein besonderes Maß an Vertrauen gesetzt wurde. Er hatte eine Machtposition, die sonst nur Armeeangehörige haben: Nämlich ganz allein das Leben einer dreistelligen Anzahl Menschen zu verantworten. Das macht das Interesse an seiner Person noch stärker als bei einem “gewöhnlichen” Amokläufer.

Schließlich könnte man nun argumentieren: “OK, das soll zwar untersucht werden, aber doch bitte nicht öffentlich. Der Wissen um den Namen macht doch die Opfer nicht mehr lebendig.” Das stimmt natürlich, nur gilt das dann auch für sämtliches Wissen um den Absturz: Man könnte dann auch sagen, sogar die Absturzursache solle geheim bleiben, das Wissen um sie mache ja auch niemanden lebendig (und in diesem Fall hat es die Situation für die Angehörigen vermutlich sogar verschlimmert).

Wer dennoch meint, dass der Name des Co-Piloten nicht genannt werden sollte, den möchte ich fragen:

  • Sollte man die Namen von Amokläufern nennen?
  • Sollte man die Namen von Terroristen nennen, zB von diesen?
  • Würde Dich selbst der Name von jemandem interessieren, der einen Dir nahestehenden Menschen ermordet hat?