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Alle Tweets werden bereits gespeichert. Die Frage ist nur, wer Zugriff darauf hat.

Als ich gestern Tweets und Blogbeiträge zum #Listengate las, konnte ich meine Kinnlade nicht mehr hochkriegen. Ich war und bin schockiert über die Unkenntnis und Fehlschlüsse der Menschen, die sich darüber aufregten.

Für Leser, die gar nicht wissen, wovon ich gerade schreibe: Ein Mitglied der Piratenpartei hat bereits seit einem längeren Zeitraum Twitter-Nachrichten verschiedener Nutzer gespeichert und auch davon Screenshots angelegt. Dieses Archiv stellte er auch öffentlich im Internet zur Verfügung.

Dazu entstand gestern eine lebhafte Diskussion, in der sich auch der Bundesvorstand der Piratenpartei zu Wort meldete:

Weiterhin möchte die Piratenpartei nicht mit einer Seite in Verbindung gebracht werden, die den Eindruck der Vorratsdatenspeicherung erweckt. Weiterhin wollen wir klarstellen, dass wir Formen von Gesinnungsdatenbanken, Onlinepranger und Cybermobbing strikt ablehnen. Wir befinden uns derzeit in der juristischen Prüfung, ob und wenn ja wie, rechtlich gegen die genannte Tweetsammlung vorgegangen werden kann. Wir bitten um Geduld, bis die rechtliche Prüfung abgeschlossen ist.

Dieser Kommentar hat mich fassungslos gemacht. Eine für Netzkompetenz stehen wollende Partei will tatsächlich prüfen, ob das Aggregieren und Bereitstellen öffentlicher Daten im Internet legal ist.

Liebe Kritiker und Besorgte:

  1. Alle jemals getwitterten Tweets sind bereits gespeichert! Bei Twitter! Twitter hat sie alle. Alle Menschen, denen Twitter Zugriff darauf gibt, können alle Eure Tweets lesen. Vielleicht sogar auch die gelöschten. Nochmal: ALLE TWEETS WERDEN BEREITS GESPEICHERT!
  2. Daraus wird klar: Die Frage ist nicht, ob Tweets gespeichert werden sollen (denn das werden sie ja bereits), sondern wer Zugriff auf diese Tweets hat. Nochmal: DIE FRAGE IST NICHT, OB GESPEICHERT WIRD. DIE FRAGE IST, WER ZUGRIFF AUF DAS GESPEICHERTE HAT!

Bislang hat nur Twitter diesen Zugriff und alle, die ihn sich verschaffen. Dazu gehört Google, aber auch jeder interessierte Programmierer.

Twitter unterstützt übrigens jeden Interessierten dabei tatkräftig: Sie bieten eine API an. Das ist eine Schnittstelle, die ein Programmierer mit einem Programm abfragen und jeden beliebigen öffentlichen Tweet kopieren kann. Dies kann auch völlig automatisiert im Hintergrund auf einem gemieteten Server geschehen. Man muss also gar nicht selbst vorm Computer sitzen. So etwas hatte ich auch selbst öfters gemacht, zB während des BPT12, um alle Tweets mit dem Hashtag #bpt12 zu speichern und gesammelt öffentlich zur Verfügung zu stellen.

Halten wir fest: Jeder Programmierer kann sich also bereits heute ein eigenes Twitter-Archiv erstellen – auch “im Geheimen”, ohne dass es irgendwer anders merkt. Niemand kann also sicher sein, dass seine öffentlichen Tweets nicht schon in mehreren Datenbanken sind.

Daraus ergibt sich ein Machtgefälle: Menschen, die programmieren können, können sich so ein Archiv erstellen und bekommen damit mehr Macht, als Menschen, die nicht programmieren können.

Ich wiederhole also nochmal: Die Frage ist nicht, ob gespeichert wird. Die Frage ist, wer die Fähigkeit hat zu speichern und wem er dann Zugriff darauf gibt.

Die Lösung kann daher nur sein: Das Machtgefälle muss aufgehoben werden. Alle sollten den gleichen Zugang bekommen. Alle sollten die Möglichkeit haben, ein Twitter-Archiv zu nutzen. Auch die, die nicht programmieren können.

Ich habe daher einen Antrag im Berliner LiquidFeedback gestellt, dass der Landesvorstand selbst so ein Twitter-Archiv betreibt und dort ganz transparent einfach alle Tweets aller Berliner Piraten speichert. (Berlin, weil ich selber da Mitglied bin. Könnte man aber auch gleich im Bund machen.. stelle den Antrag vllt. also auch noch ins Bundes-Liquid.)

Die Neu-Phase läuft noch bis Samstag-Nachmittag, es werden noch 9 Unterstützer gebraucht. Bitte unterstützt ihn!

Nachtrag 13.7.: Es gibt nun auch eine Initiative im Bundes-LiquidFeedback.

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Und nochmal Piraten-Liste / Selbstverpflichtung

In einem weiterem Kommentar zum Artikel Berliner Piraten-Liste ohne “Feministen-Stimmen” kritisiert Eric meine Schlußfolgerung, auch ohne Selbstverpflichtung bliebe die Top3 wohl weiblich:

Du vergisst leider die Möglichkeit, dass die Selbstverpflichtung und die Diskussionen darüber das Wahlverhalten auch derjenigen beeinflusst hat, die trotzdem keine vier Frauen auf die ersten vier Plätze gewählt haben. Sowie auch (wie LeV schon schreibt) den möglichen Einfluss vor der Wahl, nämlich auf die Bereitschaft überhaupt erst zu kandidieren.

Deine Schlussfolgerung “Es sieht ganz danach aus, dass wir auch ohne die Selbstverpflichtung einiger Piraten, 4 Frauen nach vorne zu wählen, 3 weibliche Spitzenkandidaten hätten.” ist daher absolut nicht valide. Wenn Du wirklich etwas wissen willst, musst Du die Leute befragen.

Das mit dem Leute befragen fand ich tatsächlich eine gute Idee. Ich habe das mal gemacht und erhielt via Twitter folgende Antworten:

Zumindest unsere Spitzenkandidatinnen hätte also eine fehlende Selbstverpflichtung nicht von der Kandidatur abgehalten.

Ich finde, es ist auch sinnvoll zu trennen zwischen einerseits dem Ziel, ein angenehmes Klima zu schaffen, in dem sich viele gute Frauen zu einer Kandidatur entscheiden und anderseits dem Ziel, nachher eine Liste mit vielen guten Frauen zu haben. Das eine will die Chancengleichheit (verbessern), das zweite Ergebnisgleichheit.

Ich denke, dass Ergebnisgleichheit ein seltsames Ziel für eine liberale Partei wäre, Chancengleichheit hingegen eine ziemlich gute und wichtige Sache ist. Und alle Zahlenspielereien weisen ja daraufhin, dass die kandidierenden, guten Frauen dann auch von allen – und nicht nur bewusst feministisch engagierten – gewählt wurden. Wenn also gute Leute kandidieren, werden sie – egal welchen Geschlechts sie sind – offenbar auch gewählt.

Sinnvoll ist also, herauszufinden, was gute Frauen (bzw. Menschen allgemein) dazu bewegt zu kandidieren – und auch, was sie davon abhält. Und da hab ich mich vor einigen Tagen diesen Artikel erinnert, in dem die JSConf beschrieb, wie sie den Anteil ihrer weiblichen Speaker wesentlich erhöhte:

The ingredients are as simple as they are obvious:

  1. Open an inviting call for presentations (CFP).
  2. Select talks anonymously, and state in the CFP that you do so.
  3. Encourage people from under-represented groups to submit to the CFP.

Sie haben also einerseits direkt Frauen ermutigt, einen Vortrag einzureichen und gleichzeitigt angekündigt, einen anonymen Auswahlprozess zu machen – also das Geschlecht bewusst nicht zu berücksichtigen. Warum, das haben sie so begründet:

More importantly: if you are going around asking people to speak at your event and they are generally under-represented at your event (say, women at a tech conference), you need to avoid treating them in a special way. Nobody wants to be invited to speak because of their gender, or skin colour, or sexual orientation, or whatever else. Nobody likes special treatment. Nobody likes to be the token-representative.

Ein sinnvoller Gedankengang, finde ich. Es könnte also sein, dass Selbstverpflichtungen, wo Wähler ankündigen, das Geschlecht beim Wählen bewusst zu berücksichtigen, nicht nur ermutigen, sondern auch Leute vom kandidieren abhalten (– so gut diese Selbstverpflichtungen auch gemeint sein mögen).

Berliner Piraten-Top3 bleibt weiblich, selbst wenn …

Unter meinem Artikel Berliner Piraten-Liste ohne “Feministen-Stimmen” hat jp sinngemäß kommentiert, dass es ja gar nicht verwunderlich sei, dass die Top3 weiblich bleibt, wenn man nur Stimmen rausnimmt, die 4 und mehr Frauen nach vorne gewählt hatten.

Und das klingt ja tatsächlich gar nicht so unlogisch. Mich hat also wieder die Neugier gepackt und ich wollte wissen, was passiert, wenn noch mehr Stimmen herausrechnet – nicht nur die mit 4+ rein-weiblichen Erstpräferenzen, sondern auch die mit 1+ rein-weiblichen Erstpräferenzen. Also alle Wahlzettel nicht berücksichtigt, die ausschließlich Frauen auf die Erstpräferenz gesetzt hatten.

Es gab 134 solcher Wahlzettel. Übrig blieben also 169 Wahlzettel (somit mehr als die Hälfte), die mindestens auch einen Mann auf der Erstpräferenz hatten. Und so sieht die Liste berechnet nur mit diesen Stimmen aus (in Klammern die Position auf der tatsächlichen Liste):

  1. Cornelia Otto (1)
  2. Lena Rohrbach (3)
  3. Miriam Seyffarth (2)
  4. Andreas Pittrich (5)
  5. Ulrike Pohl (4)
  6. Jan Hemme (7)
  7. Anisa Fliegner (8)
  8. Michael Melter (12)
  9. Enno Lenze (9)
  10. Daniel Schweighöfer (14)
  11. Fabricio Martins do Canto (nicht gewählt, Schulze-Rang 16)
  12. Dr. Jens Kuhlemann (nicht gewählt, Schulze-Rang 17)

Und das hat mich jetzt schon überrascht. Selbst unter Wählern, die auch einen Mann ganz vorne sehen wollen, gewinnt unsere weibliche Top3.

Was sich also schon auf den Präferenzprofilen angedeutet hat, wird nun noch klarer: Wir haben Spitzenkandidaten, die einen sehr breiten Rückhalt im gesamten Landesverband haben.

Eine Anmerkung: Ich möchte mit diesen Rechnereien nicht ausdrücken, dass die Stimmen mit rein-weiblichen Erstpräferenzen illegitim oder irgendwie weniger “wert” sein. Natürlich sind alle Stimmen gleich viel wert und jeder darf und soll selber entscheiden, nach welchen Kriterien und Motivationen er wählt.

Ich finde solche Zahlenspiele einfach nur genauso interessant wie Jörg Schönenborn, wenn er schaut, wieviele Erstwähler Piraten gewählt haben – und damit ja auch nicht sagt, Stimmen von Zweitwählern seinen weniger wert.

Berliner Piraten-Liste ohne “Feministen-Stimmen”

Am vergangenen Wochenende haben die Berliner Piraten ihre Kandidatenliste für die kommende Bundestagswahl gewählt. Für viele überraschend daran war, dass auf die ersten vier Plätze nur Frauen gewählt wurden, und auf der Liste insgesamt 8 von 14 Frauen stehen, was einen Frauenanteil von 57% ausmacht. Und das ohne eine Frauenquote.

Daraufhin gab es einzelne Stimmen, diese Frauen seien nur wegen ihres Geschlechts gewählt worden, dank einer “Quote im Kopf” sozusagen. Und so ganz unbegründet ist der Verdacht nicht: Vor der Wahl gaben 34 Piraten eine “Selbstverpflichtung” ab, auf die ersten 4 Plätze nur Frauen zu wählen.

Ich fand diesen Verdacht jedoch schon beim ersten Hören nicht überzeugend. Ich halte selber wenig von Geschlechterquoten und hatte versucht, mit dem Geschlecht der Kandidaten so umzugehen wie mit deren Hautfarbe, sexueller Orientierung etc.: Es nämlich nicht bewusst zu beachten, anstatt es zu beachten. Dennoch kam ich bei meinem eigenen Stimmzettel auf 40% Frauen im Ja-Bereich und sogar 60% in meiner Top 5 – was überdurchschnittlich war, bei nur 28% Frauen unter allen Kandidaten.

Aber ich empfand die Auswahl eben so. Es gab für mich einfach mehr kompetente Kandidatinnen als Kandidaten.

Ich vermutete nun, dass da auch anderen Wählern so ging. Und das schöne an unserem Schulze-Wahlverfahren ist, dass nachher alle Stimmzettel einzeln digital vorliegen. Man muss also gar nicht groß spekulieren, sondern kann selber direkt mit den Daten herumspielen.

Ich wollte also wissen, auf welches Ergebnis man kommt, wenn man die Stimmen der “Selbstverplichtungs-Piraten” nicht berücksichtigt. Dazu habe ich alle Wahlzettel herausgenommen, auf deren vorderen Präferenzstufen mindestens 4 Frauen und kein Mann angekreuzt waren. Das sind genau 56 Wahlzettel.1

Mit den übrigen 247 Stimmzetteln habe ich dann das Ergebnis neu berechnet. Und so hätte diese Liste ausgesehen (in Klammern die Plazierung auf der Original-Liste):

  1. Cornelia Otto (1)
  2. Miriam Seyffarth (2)
  3. Lena Rohrbach (3)
  4. Andreas Pittrich (5)
  5. Ulrike Pohl (4)
  6. Jan Hemme (7)
  7. Laura Dornheim (6)
  8. Anisa Fliegner (8)
  9. Enno Lenze (9)
  10. Michael Melter (12)
  11. Stephan Urbach (11)
  12. Daniel Schweighöfer (14)
  13. Dr. Jens Kuhlemann (nicht gewählt, Schulze-Rang 17)
  14. Heide Hagen (10)

Die wesentlichste Änderung: Aus der weiblichen Top4 wäre eine weibliche Top3 geworden, sonst gäbe es ein paar Verschiebungen um 1 oder 2 Plätze. Mareike Peter wäre nicht mehr dabei, dafür Jens Kuhlemann drin. Der Frauenanteil der gesamten Liste wäre also nur von 57% auf 50% gesunken.

Und so hätten die Präferenzprofile der ersten 3 ausgesehen:

stimmenprofil-praeferenzwahl-avb13-12stimmenprofil-praeferenzwahl-avb13-44stimmenprofil-praeferenzwahl-avb13-27

Auch hier also keine wesentliche Veränderung zum Original.

Kurzum: Es sieht ganz danach aus, dass wir auch ohne die Selbstverpflichtung einiger Piraten, 4 Frauen nach vorne zu wählen, 3 weibliche Spitzenkandidaten hätten.

Anhang:

1 Es kann natürlich auch Wähler gegeben haben, die aus anderen Gründen als der Selbstverpflichtung 4 Frauen und keinen Mann nach vorne gewählt haben. Diese “False Positives” würden sich aber zu Ungunsten des Frauenanteils auswirken. Trotzdem bleibt der Frauenanteil aber hoch.

Nachtrag 3.3.: Berliner Piraten-Top3 bleibt weiblich, selbst wenn …